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2025 News

Mit ein paar Harmonien
um die Welt

von Rainer Schindler

 

Eine Musik-Biografie

Diese Geschichte handelt von einem Jungen der auszog,
sein Glück mit seiner musikalischen Begabung zu machen.


Statt eines Vorworts 

Was Rainer sich ausgedacht hat, verehrte „Mister Flowerpower“-Fangemeinde, was heute hier vorliegt, sollte kein Buch werden und ist doch eines geworden; trotzdem kommt es ohne Vorwort aus. Es hat keinen renommierten Verlag gesucht, muss auch nicht über jeden kommerziellen Ladentisch gehen, denn es wurde primär für den Jubilar und seine Fans gemacht; trotzdem schön, wenn es Verbreitung findet.

Wo ist man zuhause? Ist es ein Haus, ein Fluss, ein Land? Ist es die vertraute Region, in der man sich nicht erklären braucht? Sind es die Menschen, die Sprache, die Kultur? Gerüche, Bilder, Klänge? Erinnerungen an eine glückliche Kindheit, die entschwundene und doch auch bewahrte? Von allem etwas, denke ich. Und nicht zuletzt das wärmende Gehäuse der Musik unserer jungen Jahre. Diese Geschichte handelt von einem Jungen der auszog, sein Glück mit seiner musikalischen Begabung zu machen: Rainer Schindler. Sie ist allen zugedacht, denen er am Herzen liegt. Und umgekehrt. Ich gehöre auch dazu. 

Schon einmal durfte ich fünfzig Bühnenjahre besingen, bis die Collage einer Werkbiografie entstanden war, ich gab ihr den Titel: ‚Kabarett auf eigene Faust – 50 Bühnenjahre Hanns Dieter Hüsch‘. Daran erinnerte ich mich, als Rainer mich ansprach. Begingen wir nicht eben erst sein vierzigstes Bühnenjubiläum? Meine Güte, kann keiner diesen rasenden Zug der Zeit mal anhalten? Doch, ich vergaß, er wurde angehalten. Irgendwie. Anbefohlen von milliardenschweren Welterneuerern, angeleitet von den selbstreferenziellen Weltdirektionen WHO und WEF, standen sie statt mit Grundgesetz und Augenmaß auf einmal mit Stoppschildern und Spritzen parat, die eingesetzten Stationsvorsteher Spahn und Lauterbach, Drosten und Wieler, samt jener eilfertigen Rettungsimpfengel Sahin, Türeci und Co. Aber das hatte mit Entschleunigung nichts zu tun, sondern mit angemaßter Dominanz und Täuschung, mit vermeidbaren Verlusten und geraubtem Leben. Ein weites Feld. Auf dem Journalisten und Kulturakteure sich verirrten, freie Theater und die Kleinkunst einbrachen, der Kunsthandel verebbte, die Veranstalter überall in die Knie gingen, um nur diese naheliegenden Branchen zu nennen. Der einseitige Diskurs über Grenzen und Messbarkeit der sogenannten Corona-Maßnahmen löschte fast aus dem allgemeinen Bewusstsein, dass das Erleben von Bühne und Musik – wie auch in der Schule – auf Präsenz zielt, auf direkte Begegnung, auf gegenwärtige Empfindung, also eine „aktuelle Tätigkeit ist, in der Auge und Ohr, Kopf und Körper auf allen Ebenen reagieren“, auf der Ebene der Auftretenden, der Vortragenden, neudeutsch: Performer, wie auf der Ebene des mit-atmenden Publikums, und zwar im selben Moment, also augenblicklich und unwiederholbar.

Noch ein Blick tiefer: „Die Künste des Momentanen bewahren für uns das Vergangene in der Gegenwart, als Geschichte des Menschen, Geschichten seiner Hoffnungen und Träume. Es sind bewegende Momente, die wir in unseren Künsten vor allem dann als besonders glückhaft empfinden, wenn sich gemeinsame Erfahrungen der Vergangenheit noch einmal in einem gemeinsamen Erlebnis im Gegenwärtigen spiegeln.“ (Friedrich Schirmer). Ich füge hinzu: Wird unterbrochen, was die Entspannung in unserem Dasein ermöglichen soll, was zugleich unsere Erinnerung an das Unwiederbringliche wachhält, dann wird ein Element unserer Existenz unterdrückt, ein Nerv unseres Lebens durchtrennt, dann wird unsere Natürlichkeit aufs Spiel gesetzt – statt auf den Spielplan.

Unterbrochene Kontakte auch bei Rainer. Keine Auftritte, keine Gagen. Viel Zeit. Freie Zeit. Lebenszeit eines freien Künstlers. Natürlich Künstler. Wenn Talent und Ehrgeiz, Musik und Gesang, Entertainment und Moderation in einer Person zusammentreffen, ist man Künstler, Bühnenkünstler. Erst recht, wenn handwerkliches Können am Instrument und leidenschaftliche Intensität im Ausdruck Triebfedern des schöpferischen Schaffens sind. Umso schlimmer ist es, wenn solchen Protagonisten ihre Entfaltungskraft von Maßnahmen genommen wird, die, wie sich herausgestellt hat, absolut nicht hätten sein müssen, schon gar nicht in der übergriffigen, ausgrenzenden Weise, wie es sich Politik und Propaganda hierzulande erlaubt haben. Also wird keine Sekunde darüber nachgedacht, ob der Corona-Einbruch von der Fünfzig-Jahre-Chronik abzuziehen wäre: er bleibt drin. Auch Brüche gehören zum Leben. Wer könnte kein Lied davon singen? Deshalb dachte ich, könnte über diesem Bühnenlebensbogen genau jener zuvor genannte Titel stehen, nur eben ‚Musik‘ statt Kabarett.

Denn dass Rainer von Anfang an auf sich gestellt, eben ‚auf eigene Faust‘, dieses fabelhafte Jubiläum erreicht hat, ist unbestritten.

Wie misst man fünfzig Bühnenjahre, wann beginnen sie? Sind es die zarten amateurhaften Gehversuche? Eine erste nennenswerte Gage? Oder der Start eines abendfüllenden Programms? Der erste große Applaus? Oder liegt der Anfang in dem Entschluss, von Berufs wegen Musiker zu werden? Das wird in Rainers chronologischem Abriss erzählt.

Unser Jubilar gehört zu der unschätzbaren Gattung von Künstlern die, wenn sie da sind, Freude auslösen. Denn er bringt uns ein Geschenk mit, wie es schöner nicht sein könnte: den Klang unserer Jugend- und Aufbruchszeit. Er ist begehrt, weil seine Musik populär ist. Er ist gefragt, weil er sie werkgetreu und authentisch beherrscht. Mr. Flowerpower ist beliebt, weil seine Botschaft lautet: All you need is love. Er lässt nicht zuletzt uns Ältere in Erinnerungen schwelgen, wenn das innere Kraftfeld in abendlichen Sternstunden unter freiem Himmel noch einmal zum Klingen und Tanzen gebracht wird: Get Back to where you once belonged Tomorrow never knows.

Ja, über diese fünfzig Bühnenjahre könnte man ‚Musik auf eigene Faust‘ schreiben, Musik der Freude, Musik für Freunde, Musik für ein fantastisches Lebensgefühl. Im Unterschied zu dem großen literarischen Kabarettisten der alten Bundesrepublik, führten Rainers Fähigkeiten ihn allerdings um die ganze Welt, und deshalb steht sein selbstgewählter Titel zu recht und richtig über seiner Geschichte. Er ist weithin bekannt, doch zum Glück nicht ‚gesichtsprominent‘. Das ermöglicht ihm, das private Leben mit Petra an seiner Seite frei zu genießen.

Ich würde mich freuen, wenn wir auch in zehn Jahren noch ein Bühnenjubiläum feiern könnten, sein sechzigstes. Denn alt zu werden, ist bekanntlich immer noch die einzige Möglichkeit, lange zu leben. Das wusste schon Hugo von Hofmannsthal. Hoffen wir, dass die Welt dann noch steht.

Jürgen Kessler

im Juni 2023

 

Kapitel 1 – Vorgeschichte
1958 – 1974

Warum ist es am Rhein so schön?

Einmal sagte ein Fan in der Veranstaltungspause zu Petra: Dein Typ muss schon mit der Gitarre auf die Welt gekommen sein, oder? Worauf sie antwortete: Ganz genau, und gesungen hat er auch gleich, sogar mit Kopfstimme.

Es ging mir damals schon so wie heute, liebe Leute, mich an alles erinnern, kann ich beim besten Willen nicht. Im Zweifel war es meine Mutter, die bei meiner Geburt in den höchsten Tönen ‚gesungen‘ hat, denn bald war klar: ich klemmte! Mein erster Auftritt machte Umstände. Ich wurde, wie einst der Römer Julius Caesar, kurzerhand aus dem Bauch geschnitten; daher heißt die Methode Kaiserschnitt. Ultraschall gab es in der alten Wirtschaftswunderzeit noch nicht, es musste gewartet werden bis mein Geschlecht am 11. Januar 1958, eine halbe Stunde vor Mitternacht im Martinsstift zu Worms am Rhein live und nackt sichtbar wurde: Es is en Bub, de Rainer. Beinahe wäre ich ein Rheinhessisches Sonntagskind geworden, doch es war saukalt und die Chirurgie wollte fertig werden; meine liebe Mutter Irma war es schon.

Sie sang tatsächlich gerne, die erste Frau in meinem Leben, und sie war stets gut bei Stimme, bis eben an diesem Januarabend. Mein Vater bekam vom Welteintritt seines Kindes gar nichts mit. Er stand auf der Bühne und brachte einen ganzen Saal zum Lachen: Rudi Schindler, seines Zeichens humoristischer Alleinunterhalter, Possenreißer und lustige Figur für Anlässe aller Art. Aha, könnte man denken, der Karriereweg war vorgezeichnet, bei solchen Eltern kein Wunder. Ich bin mir da nicht so sicher. Mein älterer Bruder Claus hat einen ganz anderen Weg genommen. Die Sache mit dem Wunder liegt also eher am Weg, oder? Aber klar, das musische Elternhaus im hessischen Nordheim am Rhein half mit. Im Haus mit dem Torbogen am Anfang der Wattenheimer Straße lag immer Musik in der Luft.

 

Erste Impulse

Erste Impulse kamen auch aus dem Nordheimer Freundeskreis der Fußballer. Charlie, ein älterer Spieler, brachte einmal eine ‚Bravo‘ mit, blätterte sie stolz Blatt für Blatt durch, wir Jüngeren schauten ihm über die Schulter. Ein Foto zeigte The Who. Ahh, die Beatles, rief ich begeistert und handelte mir prompt das Gelächter der Korona ein. Beatles und lange Haare, das war für mich eins, und so war es keine Frage, dass ich selber für Kurzhaarschnitte auf immer verloren war.

Der nächste, vielleicht wichtigste Impuls, ließ nicht lange auf sich warten. Wir reisten hinter den sogenannten Eisernen Vorhang, genauer, in die damalige Sowjetrepublik Tschechoslowakei. Seit dem Krieg hatte mein Vater seine Verwandtschaft dort nicht mehr gesehen. Die Schindlers besaßen einen Gutshof in der Nähe von Olmütz. Vater und seine Brüder waren im Krieg, die Schwester musste mit ihrer Mutter, meiner lieben Oma, über Nacht Haus und Hof verlassen. Sie flohen in den Westen, an den Rhein, wo mein Vater später seine Ehefrau kennenlernte, meine Mutter. Der alte Familiensitz in Nebotein war verloren, aber es lebten östlich von Bratislava noch zwei Cousinen, und die wollte mein Vater wiedersehen. Unangekündigt fuhren wir los. Von Nordheim bis zur Stadt Nitra in der heutigen Slowakei waren fast tausend Kilometer zu fahren, zum Teil über holprige Pisten. In Europa herrschte 1966 immer noch Krieg, zum Glück nur ein kalter, wir mussten unseren Ford 17M an der Grenze komplett ausräumen und alle Mitbringsel für die Verwandtschaft vorzeigen. Überraschter von einem Besuch, und voller Freude, wie die Geschwister Mimi und Nelda es waren, konnte man gar nicht sein; ein einziges großes Fest lag vor uns. Fröhlich wurde erzählt, gegessen und getrunken, abends gefeiert, getanzt und gesungen, Nelda spielte dazu die Gitarre. Das begeisterte mich offensichtlich so sehr, dass ich, unserer herzlichen slawischen Verwandtschaft in liebevollster Erinnerung blieb. Denn auf einmal kam in Nordheim ein Geschenk für mich an: eine slowakische Gitarre. Donnerwetter! Jahre später schrieb Mutter an Mimi: Die Gitarre von Nelda, das war der Anfang.


Gitarre oder Schlagzeug ?

Das Leben übt und aller Anfang ist schwer, das weiß man vom Phrasenschwein. Ich scheute anfangs die Theorie. Harmonielehre, Noten lernen, das war lästig, auch das Griffe einstudieren; ich wollte nicht üben, ich wollte spielen. Da erschienen die ‚Monkees‘ auf der Bildfläche, und deren Drummer gab mir die Idee: auf einem Schlagzeug konnte man einfach drauflos trommeln, ohne Wissenschaft, ganz dem Rhythmus ergeben, ohne die Verrenkungen der Hand und den Schmerzen an den Fingerkuppen, warum also nicht Schlagzeuger werden? Kochlöffel und Mutters Nähfässchen mussten als Ersatz herhalten. Nach meinen ausdauernden ‚Konzerten‘ wischte sie öfter Staub als sonst, Feinstaub, den ich, durchs Haus trommelnd, hinterlassen hatte. Gut, dass es die Deutsche Umwelthilfe noch nicht gab, nach deren Expertisen von heute müsste unsereins längst tot sein. Genau wie Taxifahrer, die jahrzehntelang im Winter ihre PKWs Tag und Nacht für die Wärme im Wagen laufen ließen, einer am Auspuff des anderen; aber zur Rolle des Taxis in meiner Laufbahn kommen wir noch. Bald begriff ich, dass ein Schlagzeug einsam macht, es zwar schöne Geräusche abgibt, good noises, wie die Amis sagen, aber deshalb noch keine Musik entsteht. Singen gefiel mir im Stehen sowieso besser und es war einfach schön, wie John Lennon mit seinem Instrument an der Rampe zu stehen. Die Gitarre und ich versöhnten uns. Wir lernten uns kennen und wurden Freunde fürs Leben.

Was mache ich hier? Ich erzähle aus meinem Leben, fasse es zusammen in Wort und Bild. Nicht mehr und nicht weniger. Für mich selbst und Petra, für die Familie und die Freunde. Ein halbes Jahrhundert auf der Bühne dürfen ja wohl in irgendeiner Weise festgehalten, gefeiert, wenigstens begangen werden, schließlich lebten wir davon; auch das Finanzamt. Und wenn meine Erzählungen dem einen oder der anderen im Publikum gefallen, freut es mich um so mehr. Natürlich sind meine Betrachtungen pur subjektiv und nicht jede Episode hatte unmittelbar mit Musik zu tun. Diese zum Beispiel:                 

 

‚Strohhaufen-Mist‘

Als ‚Strohhaufen-Mist‘ behielt ich eine Begebenheit in Erinnerung, die mir Anfang des Jahres 1968 fast zum Verhängnis geworden wäre. In der ersten Januarwoche strich ich mit einigen Halbwüchsigen aus unserem Dorf auf Erkundung durch den nahen Steiner Wald. Bei der Rückkehr machten wir Rast an einem aufgetürmten Strohballenhaufen. Zu zweit kletterten wir am Stroh hinauf, die anderen blieben unten, auch zwei Brüder, die im Rufe standen, Tunichtgute zu sein. Kaum hatten wir den Berggipfel triumphierend erreicht, machten sie unten ihrem Ruf alle Ehre und zündelten mit Streichhölzern. Ich witterte, dass etwas im Strohbusch war und wusste auf einmal, wenn wir nicht sofort von dem Haufen runterkommen, passiert etwas. Kaum runtergerutscht, loderte der erste Ballen auf, ich riss ihn noch zum Feld hin weg, aber es war zu spät, rasend schnell stand der ganze Strohberg in Brand. Wir zitterten fassungslos vor dieser mächtigen Feuersäule. Wie ein Drache verschlangen die Flammen in Windeseile das dürre Zeug, unser Abstieg hätte keine Sekunde später sein dürfen. Trotzdem versprachen wir den verstörten Brandstiftern, dichtzuhalten, alle rasten panisch heimwärts, ich mit dem zweiten Überlebenden zu ihm nach Hause. Wir taten so, als sei nichts gewesen und hörten seine Schallplatten, darunter die neue von Graham Bonney: ‚Siebenmeilenstiefel’. Jahre später erzählte ich Graham auf einer Tournee davon, er fand es lustig und meinte: meine Stiefel haben euch gepasst.

Als ich am Abend zu Hause eintraf, war die Horrorgeschichte bereits angekommen. Eine Freundin meiner Mutter hatte aufgeregt von einem Feuerball am Steiner Wald berichtet. Und noch ein Besuch ließ nicht lange auf sich warten. Jemand musste eine falsche Fährte gelegt haben, denn völlig überraschend stand auf einmal der Besitzer des Strohhaufens in der Tür und verlangte 750 DM! Ausgerechnet von mir!
Die Sache konnte nicht länger unter der Decke bleiben. Am Ende fielen auf jeden von uns 150 DM: mitgegangen, mitgefangen. Kein Pappenstiel, ich musste die Summe von meinem Taschengeld abstottern. Das Geld hätte ich lieber in Schallplatten investiert. Platten hören wurde für mich immer wichtiger. Ich nutzte jede Gelegenheit. Einmal verbrachte ich die Osterferien bei meiner Cousine Anita im Oberhessischen. Sie besaß eine beachtliche LP-Sammlung und liebte die Bee Gees und ich, liebte ihre Platten-Sammlung; die Ferien bei ihr in Münster-Laubach wurden zum reinsten Vergnügen.

Apropos Cousinenbesuch und Impulse: Zwei wunderbare kleine Platten verdankte ich einem Cousin meines Freundes Otto. Er stammte aus Hamburg und besuchte seine Verwandten in Nordheim. Zusammen mit ein paar anderen Dorfjungen spielten wir ein Tischtennisturnier. Ich kam mit dem drei Jahre älteren Exoten von der Waterkant über die Musik ins Gespräch, es ging um unsere Lieblingsbands. So enthusiastisch wie wir uns dabei in jedes Detail vergruben, geriet das Turnier zur Nebensache. Auf einmal holte der lässige Hamburger zwei Platten aus seinem Gepäck und schenkte sie mir. Einfach so. Ich war platt. Hush! von Deep Purple und Eloise von Barry Ryan. Wow.

Meine Begeisterung kannte keine Grenzen und Hamburg war mir von da an total sympathisch. Zuhause legte ich die Platten auf, unser Philipps Plattenspieler gab sein Bestes. Ich weiß nicht, wie oft ich die Titel gehört habe, jedenfalls verpasste ich abends die Kino-Veranstaltung im alten Tanz-Saal der Gaststätte ‚Zur Traube‘, ganz egal, dass ich die Eintrittskarte längst besaß und unser Dorfkino immer mochte, über meine neuen Schätze vergaß ich alles um mich herum. Am Ende ging ich‚ on my knees for Eloise‘ und voller Träume ins Bett.

Die Beat- und Protest-, Rock- und Popmusik zog mich immer stärker in ihren Bann. Meine Teenagerjahre erlebte ich wie einen großen, nicht enden wollenden Rausch. Der führte zu Konsequenzen und fand Ausdruck in zwei Briefen; der weniger schöne ging an meine Eltern: ein blauer Brief von der Albert-Schweitzer-Schule in Bürstadt. Die Konferenz der Lehrer vom 7. Juli 1972 sei zu der Auffassung gekommen, dass der Schüler Rainer Schindler woanders besser als auf ihrer Schule aufgehoben ist. Wumms.

Gut, dazu wäre einiges zu sagen, aber das schenke ich mir an dieser Stelle, will mich mit meiner jugendlichen Renitenz nicht noch einmal hervortun. Den anderen, tausend mal schöneren Brief schrieb meine Oma. Sie gab den helfenden, heilenden, geradezu rettenden Hinweis, im Martin-Luther-Haus zu Lampertheim würden bald Gitarrenkurse angeboten, das sei für mich wohl genau das richtige. Ja, Oma, wie recht du hattest! Ich startete ein zweijähriges Gitarrenstudium, ein Jahr klassische, ein Jahr moderne Gitarre. Sozusagen spielend durchmaß ich das schwierige, zum Teil vergammelte Jahr 1973, von dem ich damals nicht annehmen konnte, dass es tatsächlich den gültigen Ausgangspunkt für meine Laufbahn als Gitarrist und Sänger abgeben würde. Doch so kam es.

Der Lehrer Ernst Wartusch war erster Vorsitzender der Kultur und Sportgemeinde in Nordheim. Er drückte mir eine Schallplatte und einen Text in die Hand. Ob ich dieses Lied bei der Weihnachtsfeier der KSG Nordheim vortragen wolle? Es hieß: Die Waffe. Ich zögerte mit meiner Zusage nicht lange, zog aber meinen Bruder Claus zur Verstärkung hinzu; geteiltes Lampenfieber ist halbes Lampenfieber. Der Auftritt gelang, der Applaus ermutigte mich, der Zuspruch gab mir Rückenwind. Deshalb steht der 22. Dezember 1973 in meiner Rückschau tatsächlich als erster ‚regulärer‘ Auftritt mit Gitarre und Gesang vor einem größeren Publikum in Schindlers Rainer Annalen.

1. Auftritt am 22. Dezember 1973 im ,,Hessischen Hof“ in Nordheim.
Weihnachtsfeier der KSG Nordheim
Rainer Schindler und Bruder Claus singen den Protestsong ,,Die Waffe“.

,,Die Waffe“

Strophe 1
Ich hab‘ eine Waffe wiederentdeckt. Man läßt sie verrotten seit Jahren. Wer glaubt schon, daß mehr dahintersteckt, als hinter den nuklearen?
Refrain:
Wieviel Leid muß noch geschehn`, bis wir endlich verstehn`?
Strophe 2
Ich weiß, daß sie das Mittel ist, für alle die Kriege nur hassen; Selbst gegen den Hunger, der mehr Menschen frißt, als jemals die Kriege fraßen.
Strophe 3
Probieren zwar müssen wir sie hier. Und das wird einiges kosten. Doch wirkt sie nicht bei dir und mir, dann auch nicht im fernen Osten.
Strophe 4
Ihr Einsatz verspricht eine Revolution auch ohne Berge von Leichen. Denn ihre Kettenreaktion stellt endlich dem Frieden die Weichen.
Strophe 5
Laßt eh‘ die letzte Chance vertan, uns doch die Waffe probieren, die alle Hände entwaffnen kann. Was ist dabei schon zu riskieren!
Strophe 6
Denkt nur, ich sei ein Idealist! Haltet mich für einen Narren, wenn ihr ein besseres Mittel wißt, uns vor uns selbst zu bewahren!

Allmählich stellten sich Anfragen ein, wurde ich jemand, den man mit einem unterhaltsamen und aktuellen Songprogramm ‚engagieren‘ konnte; vor allem Vereine und private Festplaner fragten an. Aber zuerst einmal engagierte ich mich selbst, begann mir Gedanken über die Bedingungen von Auftritten zu machen, über Organisatorisches und Technisches, auch über Reklame.

Eigentlich mochte ich keine deutschen Lieder in meiner frühen ‚Playlist’, denn anfangs interessierte mich nur die Melodie eines Songs, der Rhythmus und die Harmonie; bereits die vokalreiche englische Sprache selbst empfanden wir fast alle als schönste Musik. Melodiöser, dramatischer Gesang wie bei Eloise faszinierte mich. Wozu also sich um den wörtlichen Text kümmern? Es ging um Liebe, klarer Fall, dafür reichte das große ‚Feeling‘.

Ich erweiterte mein Repertoire und lernte, was eine Einlage im Ablauf eines Bühnenprogramms ist. Mal war ich die Einlage, mal jemand anderes in meinem Programm. So entstand für kurze Zeit ein Gitarren-Duo mit einem Mädchen aus Wattenheim. Wir sangen ein Protestlied, es hieß Bangla Desh. Und das setzte bei mir jetzt den Impuls, mehr auf die Inhalte der Songs zu achten, sie sorgfältiger zu übersetzen, sie zu verstehen. Denn zu wissen, wovon man auf der Bühne singt oder spricht, das hatte ich erkannt, gehört zur Seriosität, ist ganz einfach dem professionellen Ernst der Sache geschuldet. Wenn das Publikum einmal ahnt, dass der Sänger gar nicht weiß, wovon er singt, ist es aus. Nicht die Pop- und Liebeslieder aus dem angelsächsischen Raum gaben zu dieser Erkenntnis den Anstoß, sondern die kritischen Lieder; sie nannte man damals: ‚Protestsongs‘.


,,Das Bushäusel”

Rückblende: Für einige Zeit war das ‚Bushäusel‘ am Rathaus Treffpunkt der Nordheimer Jugend. Aus unseren Kassettenrecordern dröhnten die neuesten Hits von CCR, Deep Purple, Led Zeppelin uva. Herumlungern und ‚unsere‘ Musik hören genügte als Daseinszweck. Natürlich rauchten wir gegen den Willen unserer Eltern und den Haargeschmack der Dorfsenioren trafen wir auch nicht. Das stieß älteren Ortsbewohnern so sauer auf, dass einige von ihnen lauthals Beschwerde gegen die unbotmäßige Nutzung der Bushaltestelle führten. Da geschah es, dass der Gemeindepfarrer Walter Hesekiel eine Wette verlor.                 

Jeden Donnerstag trafen wir uns im Alten Pfarrhaus zur Jugendstunde. Bei einem dieser Treffs schlug der Pfarrer eine Wette vor: Rauchen aufgeben. Nur zwei machten mit, Bernhard aus der Gruppe und unser Pfarrer. Es dauerte keine vierzehn Tage, bis wir ihn an einem glimmenden Stengel erwischt hatten. Mein Gott Walter, amüsierten wir uns. Doch der ‚ertappte‘ Raucher entpuppte sich als Pfarrer Pfiffig. Großzügig spendierte er unserer Gruppe einen weit über den Wetteinsatz hinausgehenden Betrag, nämlich 200 DM, und meinte dazu listig, mit dem Geld könnten wir uns oberhalb des Konfirmanden-Sälchens den Ausbau eines Jugendraums finanzieren, ob der als Refugium für uns nicht geeigneter sei als so ein zügiges Bushäusel? – Yeah, yeah, yeah! Wir schnallten die Aktion und gingen zügig an die Arbeit. Aus dem rustikalen Dachstuhl machten wir eine wohnliche Mansarde: unser Schmuckkästchen. Es wurde ‚Talk of the Town’ und man kann sich denken, wie zentral diese Oase für uns wurde.

Natürlich durfte meine Gitarre nie fehlen. Als einige Leute von der SPD unsere Initiative sogar mit einem Ölofen belohnten, geriet unser neuer Rückzugsort endgültig zu einem Politikum in Nordheim. Unduldsame Mitbürger, wieder jene vom Bushäusel-Tamtam, regten sich mächtig auf: Jetzt sähe man die Rabauken gar nicht mehr, was die da oben trieben wär‘ ja klar: paffen, saufen, rumhängen, feiern. Und bei Kälte könnten sie jetzt auch noch kuscheln, unerhört. Es sei nicht Sinn eines Jugendraums, als Räucherhöhle und Liebesnest zu dienen! Zum Glück stand uns der Pfarrer als verständiger Hausherr zur Seite. Es dauerte, bis der Qualm verraucht war. Dabei waren wir völlig normal, fast brav, einfach nur jung und neugierig. Und an ein Liebesnest und eine Räucherhöhle liebe Leserin und lieber Leser, da muss ich jetzt leider ‚scholzen‘, an ein Liebesnest kann ich mich einfach nicht erinnern.

,,Lassen Sie mich eines klarstellen:
Ich habe kein Drogenproblem, ich habe ein Polizeiproblem”.
Keith Richards (The Rolling Stones)

Im Laufe des Jahres 1975 wuchs familiärer Druck. Der Junge muss doch endlich etwas lernen, hieß es. Dabei tat ich nichts anders. Denn mein Tag gestaltete sich so: Lange schlafen, am Nachmittag Songs und Gitarrentechnik lernen, am Abend bis in die Nacht das Geübte präsentieren. Natürlich in der Mansarde, die längst zu meiner Bühne geworden war. Unterbrochen wurde dieser Rhythmus vom Fußball Training der KSG Nordheim, von einer Turnstunde beim TV Hofheim und einer Singstunde beim MGV Volkschor Nordheim. Dazu kamen Wochenends gelegentlich die berüchtigten Partys im Motorrad-Club von Peter Morew Senior. Dort lernte ich die harten Seiten des Lebens kennen, meinen ersten Vollrausch zum Beispiel. So war ich sehr praktisch im Begriff, genau den Beruf zu erlernen, den ich tatsächlich lebenslänglich ergreifen sollte – der in Wahrheit mich bereits ergriffen hatte, denn es war soweit: ich war bereit für die Mitwirkung in Bands.

 

Kapitel 2 – Bandjahre
1975 – 1987

,,Eine falsche Note zu spielen ist unbedeutend.
Ohne Leidenschaft zu spielen ist unverzeihlich.ˮ
– Ludwig van Beethoven –

  1. Band – Die Gässler – später The Tree Frogs
    waren eine Tanz und Unterhaltungs-Band
    von Mai 1975 – Juni 1979
  2. Band – Perrys
    waren eine Tanz und Begleitband
    von September 1978 – Juni 1980
  3. Band – The Dandys
    waren eine Tanz und Unterhaltungs-Band
    von September 1980 – März 1985

Im Sommer 1980 gründeten der Schlagzeuger der Perrys und ich eine neue Band; wir wollten unser eigenes Repertoire spielen und nannten uns: ‚Dandys‘. Eine Sängerin, ein Keyboarder und ein Bassist stießen hinzu, so reüssierten wir als Quartett mit Sängerin. Die Presse schrieb: „Die Dandys spielen sich in die Herzen des Publikums, nicht nur im heimischen Ried, auch im Frankfurter Raum, im Rheinhessischen, im Badischen.“ Ja, wir kamen prächtig an, waren beliebt, und deshalb bald im Dauereinsatz. Nach einem vierzehntägigen Gastspiel im Tanzlokal ‚Sandhas‘ in Lorsch, bekam ich Probleme mit meiner Stimme. Zum ersten Mal.

Ich wandte mich an einen Hals-Nasen-Ohrenarzt, der in seiner Freizeit selbst musizierte. Ob er mir helfen könne, fragte ich mit rauer Stimme. Was darauf folgte, klang etwa so:

Biste Alkoholiker?
Waas net, aber trinke du mer schun emol oner.
Alla dann, machs Maul uff.

Er spritzte mir eine alkoholische Lösung auf den Kehlkopf. Abends konnte ich wie ein junger Gott, wieder singen: klangfein über vier Oktaven.

 

,,Tu etwas, was Dir wirklich Spaß macht
und wovon Du hoffentlich auch leben kannst.
Wenn Du mich fragst, ist genau das – Erfolg”
– Tom Petty –

 

Etwa ein Jahrzehnt, semi-professionell nur am Anfang, spielte ich bis in die Mitte der Achtziger in diesen vielseitigen Formationen, Jahr um Jahr selbstverständlicher. Erfahrung und Bühnensicherheit bauten sich auf. Wir spielten hoch und runter, rechts und links des Rheins, wir erlebten Dinge, von denen sich später sagen ließ: für immer das erste Mal. In der freien Zeit erholten wir uns sommers an den Rheinwiesen unter mächtigen Bäumen am Fluss, verträumt im Soundtrack unserer Generation, verliebt unter dem Himmelszelt der Jugend. Wenn ich heute am Strand entlang laufe, in der Abendsonne am glitzernden Rhein verweile, Nordheim im Rücken, Worms-Nord gegenüber, denke ich oft an die behütete alte Zeit unserer unbekümmerten Jugend. Für immer und ewig war sie dahin-geflossen. Wie das vor unserer Haustür unaufhaltsam vorbeieilende Gewässer, dieser mythische und mächtige Strom, der den Dichtern aus aller Welt immer wieder Anlass zu Gedanken und Liedern gab. Er verführte Träumer, nahm Verlorene mit auf seine Reise, schenkte indes auch Güter, Kraft und Lebensfreude. Wenn auf seinen fröhlichen Weinbergen rechts und links Trauben reifen, bewegt er die Menschen zum Feiern, Singen und Tanzen; wie oft war ich mit meiner Gitarre einer von ihnen? Am heimischen Ufer unter freiem Himmel die Seele baumeln zu lassen, das liebe ich bis heute, und darum, liebe Zeitgenossen, ist es für mich am Rhein so schön.

 

  1. Band – Amorados
    waren eine Show und Begleitband namhafter Künstler.
    März 1985 – März 1987

 

Showtime!

Wie wir vom Kreislauf des Lebens wissen, halten Jahreswechsel Veränderungen bereit, wächst Neues im Frühling heran. So erlebte ich das Jahr, das Frühjahr 1985. Die ‚Amorados‘ aus Heppenheim, eine hochprofessionelle Showband, suchten ein neues Mitglied für Gesang und Gitarre. Ich erfuhr es, bewarb mich auf der Stelle per Telefon, und sollte bereits am nächsten Tag vorspielen, an einem blauen Montag.

Die Hits der Band waren die großen italienischen Schlager, Herzstücke ihrer beliebten Mitternachtsshows. Als wären es Hürden, wiesen die Bandleader mich vorab darin ein. Ich spielte auf Anhieb mit, erst danach durfte ich das vorbereitete Potpourri aus meinem Repertoire zum Besten geben. Jürgen Lies und Franco ‚Ferrari‘ Anastasi zogen sich zur Beratung zurück und ich dachte schon, darin etwas Ungutes sehen zu müssen. Aber nicht lange, und die beiden Chefs standen freudig strahlend vor mir: Wenn du willst, hast du den Job!

Die neue Perspektive erfreute meine ganze Familie, der Traum vom Vollprofi konnte wahr werden, mein Abschied von den Dandys gelang zum Glück leichter als befürchtet. Ich sagte den Amorados definitiv zu und wurde augenblicklich mit Noten und Arrangements eingedeckt, schon am darauffolgenden Donnerstag sollte mein erster Einsatz sein, mir blieben zur Vorbereitung noch achtundvierzig Stunden. Plötzlich war der Terminkalender für die kommenden Monate voll. Bis Ende März spielten wir in Ludwigsburg, im Tanzkaffee‚ Baccara‘ im Maybach-Palace; direkter Anschluss bis 8. April im österreichischen Ischgl; von da direkt nach Köln, gefolgt von Mannheim, Mühlheim, Düsseldorf; kreuz und quer ging es von nun an durch die alte Bundesrepublik, zuweilen auch ins benachbarte Ausland. Nach einem Engagement bei der Bundesgartenschau in Berlin führte uns im Juni die erste Kreuzfahrt meines Berufslebens für siebzehn Tage auf dem Luxusliner TS Maxim Gorki in den hohen Norden. Es ging nach Kirkwall/Orkney Inseln, weiter nach Reykjavik/Island, Spitzbergen dann zum Nordkap, Helesylt, Geiranger, von da aus nach Bergen und zurück nach Bremerhaven. Grandios, ein Einstieg nach Maß in mein Leben als Bühnenmusiker. Wieder daheim, beantragte ich, nicht ohne Stolz, die Mitgliedschaft in der gerade erst etablierten Künstlersozialkasse.

Als ich später erfuhr, nicht der einzige Kandidaten um den freigewordenen Platz bei den Amorados gewesen zu sein, genoss ich meine Zugehörigkeit zu dieser Truppe noch viel mehr. Wir spielten im Stile des ‚Hazy Osterwald Sextetts‘. Flotte Unterhaltungsmusik, persifliert mit parodistischen Einlagen. Mal kläpperte sich Franco mit seinen Schlagzeug-Stecken durch den Saal, bearbeitete dabei die Flaschen und Teller der Gäste höchst virtuos, mal imitierte er einen Adriano Celentano täuschend ähnlich, oder er sang die Arie des Figaro in einem bestechenden Belcanto, so herzlich hinreißend, wie es eben  nur die Italiener können.

Spielten wir allerdings als Begleitband von Jürgen Drews, oder anderer Schlagerstars, ließen wir die Einlagen einfach weg. Wir hatten alle unsere Rollen, jeder wurde zum ‚Comedian‘, nur kannten wir den Begriff noch nicht. Ich lernte ‚by doing‘ zu persiflieren, zu imitieren und zu parodieren. Das Talent, vielleicht doch von meinem Vater in die Wiege gelegt, erhielt nun den Praxisschliff. Der Sänger Peter Maffay wurde zu meinem ersten, zu meinem Lieblingsopfer. Eine fast lupenreine Imitation entstand, die ich heute noch bei mancher Gelegenheit reanimiere.

„Ein Mann ist erfolgreich, wenn er morgens aufsteht,
abends ins Bett geht und dazwischen macht, was er möchte.”
– Bob Dylan –

 

Ein Italien Aufenthalt endet mit der
,,Spanischen Romanze“

Der Einstieg bei den Amorados und die damit verbundenen, kräftezehrenden Tourneen, hinterließen erste Spuren. Mir kam das Lied von Hannes Wader in den Sinn.

,,Heute hier, morgen dort, bin kaum da, muss ich fort,
hab mich niemals deswegen beklagt.
Hab es selbst so gewählt, nie die Jahre gezählt,
nie nach Gestern und Morgen gefragt”.

Der Akku musste aufgeladen werden und so ging es im Sommer 1985 zu einem Familien Urlaub nach Italien, an die schöne blaue Adria. Eine Ferienwohnung mit großer Terrasse wurde für vierzehn Tage unser neues zu Hause. Die Gitarre, als ständiger Begleiter, durfte im Reisegepäck, natürlich nicht fehlen. In Vorfreude auf die kommenden Tage und einem kühlen Glas Pinot Grigio schlürfend, packte ich beseelt mein Instrument aus dem Koffer und begann in der abendlichen Sonne von Lignano, den neusten Hit von Toto Cutugno, ,,Serenata,“ aus voller Kehle anzustimmen. *Serenata quaisa a mezzanotte, Guardie e ladri che si fanno a botte, E i ragazzi da soli Sono ancora romantici…..

Es dauerte nur kurze Zeit und die ersten Zaungäste fanden sich ein und lauschten dem Künstler. Und wo Menschen sind, gesellen sich meist weitere hinzu, so auch in diesem Fall. Die Terrasse entwickelte sich zur Show-Bühne. Ich bemerkte daß sich die Blicke einiger *donne italiani filanti mit meinen verbanden. Aus Gründen der vorangeschrittenen Uhrzeit spielte ich noch ein paar Liebesballaden und so endete der Abend mit einer *Serenade kurz vor Mitternacht.

Weitere spontane Konzerte sollten folgen. Der Italien Aufenthalt war für mich die reinste Freude, manch einer hätte es als Arbeit empfunden. Die schönen Tage vergingen wie im Flug und der Urlaub neigte sich dem Ende. Ciao Bella Italia. Wir fuhren durch die Nacht. Die Fahrt verlief zügig und reibungslos bis zum Rechenpass, kein Auto weit und breit, dafür zwei italienische Zollbeamte. Sie fragten ob ich etwas zu verzollen hätte? Ich antwortete: ,,No“! – Jetzt erblickten sie den Gitarrenkoffer und fragten, was sich darin befinden würde? Ich sagte: eine Gitarre! Sie baten mich in ihr Zollhäuschen, um den Koffer zu öffnen. Ich öffnete und sie begutachteten mit großen Augen,  eine in Samt gebettet, liegende  Gitarre. Nun eröffneten sie mir daß dies wohl ein Mitbringsel aus Bella Italia sei, ein Souvenir das verzollt werden müsse! Ich erwiderte das ich als Berufs-Musiker die Gitarre zum üben, von zu  Hause in ihr wunderschönes Land Italien mitgebracht hätte. Sie sahen mich eine Weile prüfend an und ihre nächste Frage ließ nicht lange auf sich warten. Puoi suonarci qualcosa con la chitarra? (können sie uns etwas auf der Gitarre vorspielen?) Ich überzeugte sie, indem ich die klassische Gitarrenhaltung einnahm, ihnen voller Hingabe die Spanische Romanze zelebrierte und das eine gefühlte halbe Stunde. Draußen im Auto ängstlich und ungeduldig wartend, dachte man schon an meine Verhaftung. Doch kurz darauf, entließen mich die italienischen Zöllner mit einem breiten Grinsen im Gesicht und ich konnte die Fahrt, kurz vor Mitternacht, problemlos fortsetzen.

Heute hier, morgen dort, hatte die Gitarre, wie schon so oft in meinem Leben, zur Unterhaltung und zur Verständigung beigetragen. Ob sie allerdings bemerkten, das ich ihnen eine Spanische, statt einer Italienischen Romanze (vor) spielte, bleibt unser dreier Geheimnis.
*donne italiani filanti – rassige italienische Frauen – Die Serenade ist ein abendliches Ständchen oder eine Abendmusik in freier Form, gewöhnlich aufgeführt als Freiluftmusik, mit unterhaltsamem Charakter.

 

Lieber Rainer

Wie doch die Zeit vergeht. Seit 50 Jahren stehst Du auf der Bühne. Anfangs mit der Amorados-Showband und danach mit «The Gentlemen». Zusammen haben wir so manchen Auftritt bestritten. Ich kann mich gut erinnern, dass wir auf der Bühne alles gaben, um das Publikum zu begeistern und hinter dem Vorhang, also im Back-Stage-Bereich, da haben wir uns vor den Auftritten konzentriert und später die Freude über die gelungenen Vorstellungen geteilt. Wir haben gelacht und erlebten eine gute und schöne gemeinsame Zeit. Einerseits danke ich Dir dafür, dass wir all dies zusammen erleben konnten und andererseits gratuliere ich Dir ganz herzlich zu Deinem Jubiläum. Es ist nicht selbstverständlich, dass man in diesem Business fünf Jahrzehnte tätig sein kann.

Ich wünsche Dir noch viele schöne Stunden auf der Bühne und ein immer begeistertes Publikum, denn davon leben wir ja ganz besonders. Sollen Deine Harmonien um die Welt getragen werden und Dich die Begeisterung für unseren Beruf auf der Bühne nie verlassen.

Herzliche Grüsse
Bata Illic

 

Am 31. Oktober 1985 begleiteten wir Jürgen Drews im Luxushotel Vier Jahreszeiten in München. Das Konzert musste kurz vor Ende abgebrochen werden, da ein Scheich aus dem nahen Osten, sich in seiner Nachtruhe gestört fühlte. So kann’s gehen.

August 1986: ,,Die siebenköpfige Band ,,Amorados“, die sich in der Bundesrepublik Deutschland auf großen Bällen einen Namen gemacht hat, debütiert in Salzburg am Festspielball. Sie ist bekannt geworden durch abwechslungsreiche musikalische Arrangements mit hervorragender Darbietung. (Das Salzburger Ballmanagement)”.

1987 begleiteten die Amorados Harald Juhnke bei einer Gala im Berliner Hotel Esplanade. Sein Auftritt spätabends, die Probe mit ihm am Nachmittag. Ich lernte den prominenten Film- und Gesangsstar als sympathisch umgänglichen und entspannten Menschen dabei kennen. Weil Harald ensuite im ‚Theater am Kurfürstendamm‘ spielte, mussten die Esplanade-Gäste bis 23 Uhr auf ihren Höhepunkt warten. Wir bestritten den Abend mit Dinner Music und flotten Tanzrhythmen. In den Pausen munkelte das Publikum, ob der ‚Filou‘ denn überhaupt käme, und wenn, ob er dann wohl noch singen könne. Die vom Boulevard informierte Öffentlichkeit nahm zu jener Zeit regen Anteil an Juhnkes Trinkfreude. Er gab dem Affen allerdings auch Zucker, zum Beispiel mit dem lange kursierenden Spruch: Ich hasse Silvester, da saufen auch die Amateure.

Pünktlich um 23 Uhr betrat der sehnlichst Erwartete die Bühne, begrüßte das Publikum mit den lässigen Worten: Ich bin da – kurze Pause – und ich bin nüchtern! Der Saal flippte aus: tosender Applaus. Die Berliner liebten eben ihren Harald. Und der meisterliche Entertainer Juhnke gab alles, was er drauf hatte.
Es war ein großartiger Abend.

 

Kapitel 3 
Der Schritt nach vorn
1987 – 2007

ORGAN Show Business

In den Club der erfolgreichen Gala-Künstler scheinen gerade im richtigen Moment, die beiden Ex-Musiker (Amorados-Showband) ,,Knößl & Schindi“ eingetreten zu sein. Vieles ist gelungen, kommt prima an und wird mit den Deutschen Mitklatschern und Zuuugaabe-Ovationen belohnt. Die Musikalität und auch die sehr komische Begabung der Entertainer-Frischlinge wird noch so manchen Re-Vertrag einbringen und einigen ,,Unterhaltungskönigen“ den Zwang bringen, sich mal wieder etwas einfallen zu lassen. Alte Kaufmanns-Weisheit: ,,Konkurrenz belebt das Tagesgeschäft.“

Rudi Büttner – 12/1988
Rudi Büttner war ein deutscher Conférencier und Textdichter. Dazu war er zwei Jahrzehnte lang als Moderator des Bayerischen Rundfunks tätig. In der Künstler und Artistenzeitschrift Das Organ unterhielt er mehrere Jahre lang eine ständige Kolumne unter dem Titel „Rudi’s Podium für Schlager Allerlei.“

Heute lachen wir drüber, aber damals nannten wir uns tatsächlich so: Knößl & Schindi. Ich erinnere mich, dass außer Rocco Granata (Hit: Marina) kein anderer Kollege unseren Duo-Namen gut fand, aber der Reihe nach:

Lieber Rainer,
…..vielen Dank für deine freundliche Mail. Das machte Rocco sehr glücklich.
Es waren in der Tat sehr schöne Zeiten… Er hofft aufrichtig, dass es dir gut geht
und sendet dir, für dein Jubiläum, seine besten Grüße,

Jessica Granata
Für ROCCO

Im Laufe des Jahres 1986 reiften bei mir und einem weiteren Amorados-Kollegen die Idee, eine eigene Comedy-Music-Show auf die Beine zu stellen. Der Darmstädter Detlef Knöß spielte Saxophon, Klarinette und Flöte, und verfügte auch über beachtliche gesangliche Stimmkünste. Noch wichtiger war: unsere Stimmen harmonierten. Wir wollten Musik mit Humor und Slapstick paaren und konnten uns im Erfolgsfalle auch einen Abschied von den Amorados vorstellen. Die Proben begannen Anfang 1987. Auf unsere erste Werbeaktion hin, meldete sich eine Angelika Eckardt aus München. Den Namen kannten wir. Es war die Reiseleiterin auf der Maxim Gorki, der ersten Kreuzfahrt, die ich mit den Amorados machen durfte. Jetzt als Programmmanagerin für die Firma Jahn Reisen tätig, war sie im Begriff, eine Weltreise mit Unterhaltungskünstlern zu besetzen. Sie erinnerte sich an uns als Mitglieder der Amorados und bot den ersten Teil der Weltreise an: eine siebenwöchige Kreuzfahrt von Genua bis Sydney in Australien. Welch ein Glücksfall. Auf dem Schiff, das wussten wir, ließ sich das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden, zum  Beispiel  am  neuen  Programmformat  arbeiten, das Duo voranbringen. Auch ein Oldie-Programm ist immer in Bewegung, wir hätten genug Zeit an Bord, das Repertoire zu erweitern. Damals vertiefte ich mich besonders in die Texte von Bob Dylan  (Love minus Zero), wie früher schon in jene von John Lennon (Imagine).

Doch den ersten Auftritt für Knößl & Schindi gab es im September 1987 in Mannheim; ein Auftakt, der gelang. Wir ergänzten uns zu einem echten Duo, trafen den sanften Schmelz der Töne beim beliebten zweistimmigen Gesang.

Am 18. Oktober 1987 brachen wir auf in die Welt. Die Route der MS Taras Schevchenko klang nicht nur anspruchsvoll, sie hatte es auch in sich: Genua, Madeira, Martinique, Aruba, Panama-Kanal, Acapulco, Papeete Tahiti, Bora-Bora, Tonga, Auckland, Sydney! Toll. Allein das Fisherman’s Wharf Seafood Restaurant am Fischmarkt in Sydney war den Besuch wert. Eigentlich bin ich ganz froh, kein Tagebuch geführt zu haben. So komme ich heute nicht in die Verlegenheit, Spreu vom Weizen zu trennen, wegen der Menge der Erlebnisse, selektieren zu müssen; es genügt, bei den Tonnen an Fotos eine Auswahl zu finden. Auf jeden Fall sammelten wir überwältigende Eindrücke von unserem schönen Planeten, von sehenswerten Städten und skurrilen Menschen, und natürlich von der Weite der Ozeane. Schon nach der ersten Kreuzfahrt mit den Amorados wussten wir: Kreuzfahrten? Gerne! Aber nur als mitwirkende Gastkünstler.
Als wir am 5. Dezember zurückkehrten, lagen bereits neue Angebote vor. Eine Tournee im Januar/Februar sollte uns durch die größten Diskotheken Norddeutschlands führen, zum Teil mit einem Fassungsvermögen von fünftausend  Besuchern. Uns verschlug es den Atem. Klar, sagten wir zu. Erstmals hautnah mit der Glitzerwelt des Show-Biz auf dieser Ebene in Kontakt, lernten wir Abend für Abend die schrillsten Typen kennen.Travestiekünstler, Tanzakrobaten, Glamourgirls. Wir gewöhnten uns eine andere Aussprache an, sprachen die Vokale auf einmal lang und länger aus: Deeetlef, wie geeht’s. Ich weiß nicht mehr, warum.

Noch im selben Jahr erhielten wir eine Anfrage vom Showbureau Rudolf Wijbrand Kesselaar für einen Auftritt in der Rudi Carrell Show. Wow! Das war ein echter Big Point. Anschließend bot der Europachef von CBS einen Plattenvertrag an. Die darin enthaltenen Einflussnahmen und Bindungen gefielen uns allerdings nicht, wir waren so frei und lehnten ab.Ich denke, es war eine richtige Entscheidung. Die trifft man ja nicht immer in seinem Berufsleben: ‚es irrt der Mensch solang er strebt‘, das wissen wir von einem ziemlich bekannten Frankfurter, der es faustdick hinter den Ohren hatte. Aber wer als Musiker auf erfolgreiche fünfzig Bühnenjahre zurückblicken darf, immer davon leben konnte, muss etwas richtig gemacht haben.Wir traten im Smoking auf oder in bayerisch Krachledernem mit Filzhut. Das Programm wechselte. Sogar vor Clowns- und Step-Einlagen schreckten wir nicht zurück. Die Buchungszahlen stiegen.

Bei einem Auftritt im Rheinland machte uns eines Tages jemand auf die dortige umgangssprachliche Bedeutung des verballhornten Nachnamens meines Partners aufmerksam. Demnach sei der ‚Knößl‘ ein junger Schnösel, ein arroganter, von sich eingenommener Mensch, eingebildet, eitel und gleichgültig. Nun pressierte es uns, den Namen des Duos zu ändern. Bei Galas sprachen wir mit Kollegen darüber, fast alle fanden Knößl & Schindi unpassend. Es dauerte nicht mehr lange bis der Groschen fiel. Sofort prüften wir, ob der Name geschützt sei. War er zum Glück nicht. Wir beeilten uns, den Schutz unseres neuen Duo-Namens beim Münchner Patentamt zu beantragen. 1989, im Jahr der Veränderungen, stand dann endlich ein neues, eingetragenes Warenzeichen zum rechtlichen Schutz der Bezeichnung unseres Comedy Musik Duos im amtlichen Register: The Gentlemen.

Der neue Name spornte uns an, es galt, ihm gerecht zu werden. Wir feilten am Programm, entwickelten es immer weiter, beide Stränge, die Comedy Show wie das Oldie Special. Während ‚alte Hasen‘ wie Bata Illic oder Ireen Sheer, die wir als Amorados schon begleitet hatten, uns rieten, die Show-Fassung ruhig mal so erfolgreich wie sie war, stehen zu lassen, damit auf Strecke zu gehen, zur Bewährung sozusagen, Routine erzeugen, mit den Nummern verwachsen.

Wieder fragte man uns für eine Kreuzfahrt an. Vom 6. Februar bis zum 23. März 1989 ging  es von Acapulco durch die Südsee bis nach Japan, Ching Tao China und Hongkong. Herrlich! Es begann, dass Passagiere uns für ihre Veranstaltungen in der Heimat buchen wollten, meistens klappte das auch. Wir bekamen gut und immer besser zu tun. Eine Reise um die Britischen Inseln schloss sich an. Wir lernten das berühmte schwarze Taxi kennen, benutzten es einige Male, fanden es ‚cool‘. Ich kam auf die Idee, ein Londoner Taxi zu unserem Markenzeichen zu machen. Es war originell, ein Hingucker, und steigerte den Wiedererkennungswert. Ich hatte vor Augen, wie die Gentlemen am Veranstaltungsort aus ihrem weltberühmten englischen Taxi aussteigen. Wir konnten es kaum erwarten. Es war meine Idee, also wurde ich Halter und Eigentümer des original englischen Gentlemen-Taxis. Zweifellos kam auch Glück dazu, manchmal sogar doppeltes Glück. Unsere Berliner Episode zeigt was ich meine:

Berlin

Doppeltes berufliches Glück! Nämlich erstens, weil uns als ‚The Gentlemen‘, in einer Art von Kettenreaktion, regelmäßige Engagements an die Spree führten. Gerade auch in historisch spannenden Zeiten: rund um den Mauerfall, dem Höhepunkt des ‚Wind of Change’. Zum Zweiten, weil uns diese Engagements zu Auftritten in Etablissements führten, deren Betreten für Männer verkehrsüblich kostenpflichtig ist. Wir hingegen präsentierten unseren musikalischen Show-Spaß, verdienten Geld, und ich darf sagen, nicht zu knapp. Selbst noch als zusammenwuchs, was zusammen gehörte, band uns die Mund-zu-Mund-Propagandakette für mehrere Jahre an die spätere Hauptstadt. Und das kam so:

Der Künstlerdienst des Arbeitsamtes buchte uns – noch als Knößl & Schindi – 1988 für eine Comedy-Show bei einem Fußballsportverein der Berliner Amateurklasse. Dessen Präsident kam am Schluss mit einer Idee und einer Empfehlung in die Garderobe. Die Idee war, die Köpfe von uns auf Mannschaftstrikots zu bringen. Die Druckkosten sollten wir sponsern, im Gegenzug sorge er für fortgesetzte Engagements. Reklame dieser Art war damals für Entertainer eher ungewöhnlich, aber wir machten mit und noch lange kickte die Sportvereinsjugend mit unseren Gesichtern auf der Brust. Seine Empfehlung aber hieß ‚Christa‘. Bei ihr müssten wir unbedingt auftreten, er könne es in die Wege leiten, ‚tout Berlin‘ sei dort anzutreffen, daraus entstünde garantiert mehr. Wir hinterfragten nichts weiter und sagten spontan zu. So standen wir eines Tages, nun als ‚The Gentlemen‘, vor dem ‚Chevalier’s‘ in Schöneberg, unweit des berühmten
Ich-bin-ein-Berliner-Rathauses. Die Tür war verschlossen. Man sollte klingeln. Als eine sexy gekleidete Frau mit schwarzer Hautfarbe und eindeutig-zweideutigem Willkommensgruß öffnete, fiel der Groschen: unser Arbeitgeber war ein Edel-Puff. Dessen Geschäfte führte eine gemütliche Blondine mittleren Alters. Christa war noch nicht da, doch als sie kam, steckte sie jedem von uns mit einem breiten Lächeln ein außervertragliches ‚Begrüßungsgeld‘ zu, hundert Mark. Holla, die Waldfee… Kein Jahr später verbreitete sich dieser Begriff bekanntlich in der gesamten Bundesrepublik, als die befreiten DDR-Bürger scharenweise ‚rübermachten’, sich westliche Eindrücke und eben ihr Begrüßungsgeld in D-Mark abholten.

Wir spielten unser Comedy-Programm an drei aufeinanderfolgenden Abenden als Teil eines Weihnachts-Cabarets für spezielle Stammkunden des Hauses ‚Chevalier’s‘. Die Show kam an, Folgeverträge auch. Die Autobahn erfreute sich von da an unserer regelmäßigen Benutzung, die stets deutlich länger als die Bühnenauftritte dauerte.

Bei nächster Gelegenheit kündigte uns Christa aufgeregt einen für das Haus wichtigen Kunden an, der sei aber Jazzliebhaber und stünde so gar nicht auf Klamauk, was wir als Alternative anbieten könnten? Unser Oldie-Special hatte mit Jazz freilich wenig bis gar nichts zu tun, aber wir präsentierten es eine Stunde lang unbekümmert, dem Rat zum Trotz bereichert mit einer ‚totsicheren‘ Klamotte. Das Publikum war begeistert. Auch der spezielle Kunde hatte sich köstlich amüsiert. Als erfolgreicher Großunternehmer, der Mehrheitsanteile an bedeutenden Einkaufszentren in Berlin besaß, schätzte er es der Entspannung wegen, mit seinen Gästen in elegant-frivoler Atmosphäre auszugehen, durchaus in Begleitung seiner Gattin, was gemeinhin nicht die Regel in solchen Nachtclubs ist; er musste ein außerordentlich einflussreicher und spendabler Gönner des Hauses sein. Dass es so war, durften wir bald selbst erfahren.

Ich begann aber bereits, das Besondere des äußerlich schmucklosen ‚Chevalier’s‘ zu sehen. Denn drinnen verband sich gediegener Chic mit niveauvoller Erotik zur Erbauung einer illustren Gesellschaft. Why not? Worum geht es im lebendigen Leben? Zur Unterhaltung gab es jetzt sogar zwei leibhaftige Gentlemen, nomen est omen. Wir waren’s jedenfalls zufrieden.

Zum Verdruss meines Partners wollte der große Boss nach unserem Auftritt sich allerdings nur mit mir unterhalten, ließ aber jedem von uns zusätzlich tausend Mark zukommen. Großzügigkeit ist ein herrliches Lebensgefühl. Aus dem Stand verpflichtete er uns für mehrere Oldie-Specials in eine noch noblere Einrichtung, nämlich in das ‚Petit Chalet‘, eine Villa in Grunewald. Fortan spielten wir auch dort an vier Tagen im Monat. Übernachtet wurde immer im ‚Chevalier’s‘, wo wir als späte Gäste eintrudelten und mitunter bis zum Morgengrauen durchhielten, manchmal mit Nachtschwärmern ‚um die Häuser‘ zogen.

Einmal verlangte uns der Boss für einen Sonntagstermin. Tags drauf folgte das reguläre Vier-Tage-Gastspiel. Sonntag ist unser Familientag, antworteten wir unisono: geht nicht. Es gibt doch wohl Ausnahmen, knurrte der Geschäftsmann, ich brauche euch, nur eine halbe Stunde, bei mir zuhause. Ihr kriegt Zehntausend. Wir grübelten und kamen zu dem Schluss, dass Ausnahmen überall zur Regel gehörten, warum also sollten ausgerechnet wir, ausgerechnet in so einem dringenden Fall, eine Ausnahme sein? Als seine Gattin die heimische Tür an jenem Sonntag im vornehmen Stadtteil Dahlem öffnete, rief sie erfreut: Ach, IHR seid meine Überraschung, wie schön! Kommt rein.

Wir wuchsen hinein in dieses ungewohnte Szeneleben, teilten zuweilen ein turbulentes Geschehen, erfuhren in langen Nächten von allerlei unbekannten Bedingungen, erhielten Getränke-Provision, wenn interessierte Gäste am Tresen mit den Musikern aus dem Südwesten zechen wollten, doch vor allem lernten wir liebenswerte und interessante Menschen kennen. Eher reizende stolze Frauen, als sogenannte ‚leichte Mädchen’. Eher lässige großzügige Männer mit Manieren, als knauserige, komplexbeladene Piefkes. Weit überwiegend eben tolerante und erfolgreiche Berliner und internationale Geschäftsleute.  Wir spürten als Mitwirkende im gehobenen Nightclub-Cabaret eng die Energie der Wende- und Aufbruchszeit und es schien, als wehte ein Hauch des Großstadtfiebers aus den frühen Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts herüber, als das noch preußische Berlin zwischen Proletariat und Mäzenatentum, Kunst und Kommerz, Bürgerlichkeit und Bohème, zur Weltstadt mit Schmiss aufstieg. Fortan wusste ich jedenfalls, dass viel dran ist an dem Satz einer ausgemachten Nachteule: Eine Großstadt ist nur so lebenswert, wie es ihr Nachtleben ist.  

 

Presse

Stimmgewaltige “Gentlemen“
ließen die Jahnhalle beben

Von Axel Meyrich

Halver (eig. Ber.) – Zum Show-Finale hielt es niemanden mehr auf den Stühlen. Smoking hin, schickes Ballkleid her. Ein stehendes, begeistert mitsingendes Publikum hatte die Jahnturnhalle noch nicht erlebt.

Höhepunkt des Abends, da waren sich die über 400 Winterball-Gäste rasch einig, waren indes Top-Entertainer aus Süd-Hessen. Sie nennen sich “Gentlemen“ und kommen daher mit einem musikalischen Vielseitigkeits- “Feuerwerk“, das seinesgleichen sucht. In der Wortwahl zwar nicht immer wie echte “Gentlemen“- aber das macht nichts, denn auch ein Winter-Ball-Publikum hat gegen die eine oder andere schlüpfrige Formulierung nichts einzuwenden – gaben die beiden Hessen Vollgas. Unverkennbar ihre Vorliebe für spanische Gitarrenmusik, doch auch alpenländliche Mundart geht den “Gentlemen“ sprachlich wie musikalisch leicht von den Lippen. Ob der Schweizer Dirigent “Herr Verhüterli“, eine Kurzparodie auf die Aral-Werbung (“ I’m Walking“) oder der “Barbier von Sevillia“, der sich den Schwenker Jürgen Altfeld aus dem Publikum angelte und kurzfristig einen imaginären Kahlschlag des Hauptes verpasste.

Die Verpflichtung der “Gentlemen“ war ein echter Glücksgriff. Auch deshalb, weil beide Künstler vorzügliche Instrumentalisten sind und sich der Technik allenfalls zur Unterstützung bedienen. Daß es da nicht ohne Zugabe abging, verstand sich von selbst. Und dann passierte das, was selbst langjährige Winterball-Besucher noch nie erlebt hatten; Stehende Ovationen schon während der letzten Gospels, die Halle war schlicht hin und weg.

 

Gentlemen retteten die Show
Innenminister Hartmut Perschau konnte unter den Ehrengästen begrüßt werden

Mit ihrem Programm lösten ,,The Gentlemen“ im Publikum
wahre Begeisterungsstürme aus.

Mit dem Duo ,,The Gentlemen“ hatten die Programmgestalter einen guten Griff getan. Die beiden Künstler Detlev Knöß und Rainer Schindler lösten mit ihrem Programm wahre Begeisterungsstürme aus. Erstaunlich war die Bandbreite des Repertoires und die Vielseitigkeit der Stimmen: ,,Hello Dolly“ in der Jazz-Fassung, Oldies aus den 50ern 60ern, und 70ern oder eine brillante Peter Maffay-Imitation überzeugten auch den letzten von der Klasse der beiden. Der angekündigte Star des Abends, Chris Andrews, ließ zunächst auf sich warten und blieb schließlich ganz weg. The Gentlemen erwiesen ihrem Namen alle Ehre und sorgten für eine fast einstündige Zugabe, die das Publikum nicht nur über das Ausbleiben von Chris Andrews hinwegtröstete; am Ende des Programms vermißte den angekündigten Star eigentlich niemand mehr so richtig, viel zu gut waren die zweistimmigen Gesänge Detlev Knöß‘ und Rainer Schindlers bei Country Roads, San Francisco oder Medleys der bekanntesten Songs von Simon & Garfunkel und den Everly Brothers.

Mit ihrer Comedy-Music-Show treten die beiden sympathischen Künstler nicht nur im deutschsprachigen Raum auf und sind gern gesehene Gäste auf Internationalen Kreuzfahrtschiffen, sondern werden immer öfter ins Ausland geholt. Ein Re-Engagement für die im Sommer 1990 durchgeführte Hoteltournee in Kenia beweist, daß The Gentlemen auch vor einem internationalen Publikum Erfolg haben.

 

 

Presse (schnippsel)

… ,,The Gentlemen brachten das Festzelt mit einem ,,Eintopf”
aus Comedy und Musik zum kochen und unterzogen die
Zwerchfelle der Narrenschar einem echten Härtetes”…
(Nürnberger Nachrichten)

… ,,erzielten Bewunderung, weil Virtuosität auf den
Instrumenten und Sinn für Komik erfreuten”…
(Westfälische Rundschau)

… ,,überzeugten sowohl durch ihren Witz,
als auch durch einfallsreiche Musikstücke”…
Eine Show mit viel Musik und Humor
erntete tosenden Beifall”…
(Westfalenpost)

… ,,Eine Comedy-Show der absoluten Spitzenklasse”
Das Duo ,,The Gentlemen” machte auf dem Weg von
Berlin in die USA Zwischenstation beim vierten Stadtfest”.
(WAZ)

… ,,verstanden es, von der ersten Sekunde an
das Publikum mitzureißen.
Akrobatische stimmliche Leistungen,
gepaart mit echter Slapstick-Komik,
trieb dem Publikum Freudentränen in die Augen”.
(Westdeutsche Zeitung)

… ,,Das Publikum wollte The Gentlemen, den Höhepunkt
der Veranstaltung, nicht mehr von der Bühne lassen.
Im dunklen Saal leuchteten Feuerzeuge auf,
und es gab Ovationen im Stehen”.
(Rheinische Post)

 

 

Interpretation (fast) besser als das Original

Seit 17 Jahren begeistern ,,Gentlemenˮ ihr Publikum
Saison Abschlussparty in Nieder-Olm


RHEINHESSEN Wenn sich die beiden Stimmen geradezu ideal mischen, begleitet von mal sanften, mal pulsierenden Gitarrenklängen, dann geht die Reise zurück in die Sechziger und Siebziger. Die großen Erfolge der Stars von einst erstehen in neuem Gewand oder sind dem Original täuschend ähnlich. Der Funke springt rasch über, das Publikum singt begeistert die Texte mit. Die perfekte musikalische Illusion hat einen Namen: ,,The Gentlemenˮ.

Wenn am 13. November in der Nieder-Olmer Eckes-Halle die große Saison-Abschluß-Party steigt, dann liegt hinter dem erfolgreichen Duo bereits die 17. Spielzeit, denn seit 1987 touren der Darmstädter Detlev Knöß und der aus Biblis-Nordheim stammende Rainer Schindler zusammen durch die Republik und das Ausland.

Bundesweit bekannt sind die beiden Hessen jedoch mit ihrer Comedy-Musik-Show geworden. Mit der 40-minütigen Comedy Show sind ,,The Gentlemenˮ meist Teil eines bunten Abendprogrammes wo sie regelmäßig auf Showbiz-Größen wie Roberto Blanco oder Vicky Leandros treffen.

Die Rheinhessen indes kennen sie als Interpreten einer gleichermaßen stimmungsvollen wie mitreißenden Oldie-Show. ,,Bei ihrer Musik kann man so schön die Seele baumeln lassen und sich zurück in die eigene Jugend versetzenˮ, sagt Karl-Heinz Roschè. Gemeinsam mit seiner Frau Monika hat der Nieder-Olmer 1999 den Gentlemen Fan-Club gegründet. Mit drei anderen Familien organisiert man die Abschluß-Partys. ,,Damit die Zeit bis zur nächsten Freiluft-Saison nicht zu lang wirdˮ, schmunzelt Roschè. Den besonderen Reiz des Duos macht für ihn nicht nur die Musikauswahl, sondern auch die Qualität aus: ,,Viele Interpretationen sind fast besser als das Original.

1985 lernte Rainer Schindler bei den ,,Amoradosˮ, der Begleitgruppe von Jürgen Drews, seinen jetzigen Duo-Partner Detlev Knöß kennen. ,,Wir könnten doch auch mal vorne stehenˮ, schlägt Schindler zwei Jahre später auf der Heimfahrt von einem Auftritt mit den ,,Amoradosˮ seinem Kollegen vor. Gesagt getan. Ein Name ist gefunden: ,,The Gentlemenˮ. Zunächst verbinden Knöß und Schindler das muskalische Können mit ihrem komischen Talent. Das Ergebnis: ein rund 40-minütiges Comedy-Programm mit viel Musik, das ihnen unter anderem die Tür zum rheinischen Karneval öffnet. Aber auch bei Betriebsfeiern und Kreuzfahrten ist die Comedy-Music-Show der ,,Gentlemenˮ gefragt. ,,Doch das war uns auf die Dauer zu wenig, denn wir wollten wieder mehr Musik machen und so entstand die Oldie-Showˮ, erinnert sich Schindler. Mit einer täuschend echten Version des Simon & Garfunkel-Hits ,,The Boxerˮ sorgt das Duo 1989 in der Rudi Carrell-Show für Furore.

Hinzu gesellten sich auch Engagements bei Profi-Fußballclubs wie Bayer Leverkusen, wo Knöß und Schindler Cracks wie Rudi Völler trafen. Am liebsten spielen ,,The Gentlemenˮ jedoch in Rheinhessen. Bei den Festen zwischen Alzey, Mainz und Worms haben sich Knöß und Schindler eine große Fangemeinde erspielt. Das Geheimnis des schon so lang währenden Erfolges? ,,Wir lassen uns immer was Neues einfallen, um nicht langweilig zu werdenˮ, sagt Rainer Schindler. Live zu spielen, ist auch nach so langer Zeit immer noch das Größte für die ,,Gentlemenˮ. Und so gibt es auch im Terminkalender für 2005 schon etliche Einträge, rund 120 Tage im Jahr werden sie unterwegs sein, mal musikalisch, – mal komisch, – mal beides. 
Bericht Thomas Ehlke

 

„Bekannt wollte ich eigentlich nie werden,
mir genügte es, der Größte zu sein.“
– Ray Charles –

 

„Das einzige Attest, das zur Absage eines Konzerts berechtigt,
ist die Sterbeurkunde.“
– Karel Gott –

 


Kapitel 4  – Neubeginn
Rainer Schindler
(Mr. Flower Power)

Nach fast zwanzig Jahren kam es zum Zerwürfnis mit meinem Partner. Er wollte nach anderen Sternen greifen und versuchte sich nach 2006 solistisch unter dem Künstlernamen ‚Simon Parker’ im Geschäft zu behaupten. Die Trennung der Gentlemen traf auf Unverständnis und Enttäuschung bei Veranstaltern und Publikum und war auch von mir nicht sofort und einfach zu verdauen. Wer eine Ehescheidung mitgemacht hat, kennt das Thema. Ich war gezwungen, mir aus dem großen Fundus zügig Ersatz zu schaffen, ein neues, vielseitiges, gelegentlich wechselndes Programm aus unverwüstlichen Songs musste nun solistisch funktionieren. Es ging darum, aus Gitarrenspiel und Gesang Orchestrales zu formen. Im Kern nutzte ich Titel aus den wichtigsten musikalischen Quellen der sechziger und siebziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts. Man etikettiert sie leichthin als ‚Oldies‘, dabei sind es grandiose Evergreens, unsterbliche Einzelstücke der populären Musik-Geschichte. Die wahren Oldies sind jene, denen die Melodien im Ohr geblieben sind, die Textfetzen mitsingen können, weil in ihrer Jugendzeit x-mal gehört: unsereins.

Wenn mir ein Titel gefiel, gefiel er vielen anderen auch, Menschen aller Couleur, keineswegs nur den Älteren, so war es immer, das war mein Kompass. Unter dem Markenname ‚Mister Flowerpower‘ gelang mir der Neustart. Auf kleinen und großen Bühnen, bei Stadt- und Landfesten, in Weingütern und auf Marktplätzen konnte ich als Solist Fuß fassen: Only the Lonely.

Die erfolgreichen Gentlemen-Jahre prägten natürlich. Auf und vor der Bühne. Man hatte sich an die instrumentelle Vielseitigkeit und den smarten Sound gewöhnt, ja, sich daran begeistert. Im Sog der Loslösung davon erinnerte ich mich eines Kollegen, den ich bereits 1985 kennengelernt hatte, als ein Gitarrenprojekt uns in einem Aufnahmestudio zusammenführte. Sein präzises Solospiel beeindruckte mich. Für einen Studiomusiker ist es wichtig, war sein Credo, ein Stück sauber durchzuspielen, minutenlang, exakt wie ein Uhrwerk. Am Rande der Produktion stellte ich Adax meine eigenen Lieder vor. ‚Hat Potenzial‘, war sein Urteil. Es ging um meinen Deutsch-Song Tage vergehn. Er vermittelte mich an einen Musikproduzenten, der sich interessiert zeigte. Leider steckte er zu dieser Zeit in prominenteren Projekten, ich wurde auf die lange Bank verschoben, die Sache verebbte.

Inzwischen hatte sich Adalbert ‚Adax‘ Dörsam aus der ‚Söhne-Stadt‘ Mannheim als Gitarrenvirtuose einen Namen gemacht, sich zu einem der gefragtesten Studiomusiker Deutschlands entwickelt. Um so größer war meine Freude, dass ich ihn für ein gemeinsames Duo-Projekt begeistern, ihn als neuen Partner gewinnen konnte. Neu war auch das durch zwei Gitarristen entstehende Klangbild. Für die Musik der Sechziger genau das Richtige! Ab Januar 2006 probten wir.

Ich brachte ein eigenes Lied mit, besser gesagt, die Hälfte davon. Es sollte wie ein Trailer als Erkennungsmelodie für unser Flower Power-Projekt eingesetzt werden. Bei der nächsten Probe hatte Adax das Lied fertig und bereits aufgenommen. Läuft, dachte ich, und gestaltete das Werbematerial. Das Kind musste einen Namen haben, ich nannte es, The Flower Power Men‘. Der Name war Programm.

Der erste Auftritt im Juni 2006 verlief allerdings suboptimal. Einige eingefleischte Gentlemen-Fans zeigten meinem neuen Partner die kalte Schulter und skandierten ihren Unmut, noch bevor Adax den ersten Ton gespielt hatte. Als jedoch sein brillantes Spiel erklang, kehrte Ruhe ein. Nach und nach erkannte und akzeptierte man, dass ein Könner am Werk war. Studiomusiker wirken in ihrer Konzentration auf das Handwerkliche oftmals introvertiert. Adax überzeugte jedoch die Fans durch sein überragendes Spiel und wenn von einigen anfangs Show-Appeal und Charisma vermisst wurden, glich ich das durch Intensität und Leidenschaft an der Rampe aus. Das Programm gewann an Format, und Adax an Statur als ‚Bühnentier’.

Wir profitierten voneinander, denn für mich war er ein musikalisches Gütesiegel: wer an seiner Seite spielt, muss etwas können, hieß es in seinen Kreisen. Die neue Qualität setzte sich durch. Die Kontakte von Adax vergrößerten die Reichweite unserer Engagements. Von der Kleinkunst- bis zur Showbühne, von beschaulichen Weinfesten mit der einzigartigen Tuchfühlung zum feiernden Publikum, bis hin zu einer achtzig Meter breiten Festival-Bühne, als die Flower Power Men als Teil eines Betriebsfestes der SAP in Walldorf auftraten. Während unseres dreiviertelstündigen Programms erlebten wir die Atmosphäre von Superstars auf der Bühne. Wir spürten die Energie der schieren Masse, atmeten deren‚ Vibrations‘ ein; kein schlechtes Gefühl – vom Feeling her.

Das Sommerfest der Superlative

SAP feierte mit seinen Mitarbeitern ein grandioses Sommerfest
auf dem Firmengelände in Walldorf. Insgesamt kamen 32.000 Besucher

 

San Francisco
TV Verrückt nach Meer
ARD – Das Erste
30. Januar 2010

 

Tod und Triumph
Gastbeitrag von Adax Dörsam
29.01.2010

Am 21. Januar 2010 flogen Rainer Schindler und ich als ,,Flower Power Men“ nach Acapulco. Dort startete eine sensationelle Schiffsreise: Acapulco, Baja California, San Diego, Los Angeles, San Francisco, drei Hawaii-Inseln, Kiribati und drei Inseln Französisch-Polynesiens mit Abschluß in Tahiti. Nach unserer Einschiffung in Acapulco gab es eine ,,Mixed-Show“, bei der sich alle Künstler für diesen Abschnitt der Weltreise mit einem Kurzauftritt präsentieren. Das sind für uns die wichtigsten 10 Minuten der ganzen Reise. Wer da gut aussieht, hat für seinen Soloabend gute Karten. Wir waren zwar vom langen Flug ausgelaugt, überzeugten aber dennoch voll. Unsere ,,Flower Power Music-Show“ war eine Woche später, am 29. Januar, in Los Angeles angesetzt. Als wir dort am Morgen anlegten, verlangten die akribischen US-Behörden von unserer Crew eine Notfall-Übung. Wohl deshalb hatte ich eine Borddurchsage auf Englisch, in der nach einem Arzt gerufen wurde, für ein Übungs-Codewort gehalten. Als ich aber um 13:00 Uhr zur Probe im Musiksalon erschien, spürte ich sofort, dass etwas Schreckliches passiert war. Wir sollten heute Abend von der ,,Atlantis Showband“ begleitet werden. Diese gute Band war für die ganze viermonatige Weltreise gebucht, um die diversen Solisten zu begleiten.

Auf unserem Deck-3 am Ende des Treppenaufgangs hatten die Amerikaner ihre Kontrollstation aufgebaut. Die sehr breite, prunkvolle Treppe führte bis auf Deck 9 hinauf. Sie hatte zwei Aufgänge und zur Abgrenzung dicke goldene Handläufe mit je einem Fallloch. Durch eines dieser Falllöcher war Oleg, der Schlagzeuger der Band, eine Stunde zuvor direkt vor den Tisch der Behörden gestürzt. Er war sofort tot. War es ein Straucheln, eine Herzattacke, Selbstmord? Wir standenratlos und schockiert im Musiksalon. Was sollten wir tun: Alles absagen? Ein Trauerprogramm improvisieren? Business as usual? Man konnte kaum noch jemandem in die Augen schauen – jedem war zum Heulen zumute. Aber was sollten wir tun? Wir gingen in uns und beschlossen, die Show wie geplant, nur ohne Band durchzuziehen. Das war die bitterste ,,the Show must go on“ Situation meines Lebens.

Jetzt eine lustige-witzige Show abzuliefern erschien mir zunächst unmöglich. Andererseits wollten wir auch keine Panik auslösen. Die meisten Passagiere wussten nicht, was passiert war. Und nach San Francisco hatten wir fünf Seetage – eine offizielle Bekanntgabe mit Trauerfeier hätte eventuell beträchtliche Ängste unter den Leuten ausgelöst. Fünf Tage auf hoher See ohne Land in Sicht: Nach so einem Vorfall könnte gefährlich erscheinen, was sonst ganz normal ist.

Unser Abend kam näher; ich rüstete mich äußerlich und innerlich. Ich rechnete auch damit, dass uns manche Leute als gefühllos und kaltschnäuzig einschätzen könnten nach dem Motto ,,Wie könnt ihr nur nach dem tragischen Tod eines Kollegen so eine Show abziehen?“ Egal, wir waren jetzt dran. Und wir hatten den Erfolg. Mit schwerem Herzen, aber lockerem Spielen und Sprechen lieferten wir eine super Show ab! Die Kraft der Musik und des Humors helfen auch in schweren Stunden. Nach dem Konzert waren sowohl die Wissenden wie die Unwissenden begeistert!

Nah wie nie in meinem Leben begegneten sich Tod und Triumph. Wir wurden gefeiert – und Oleg war tot. Fast alle meine Gänge auf dem Schiff führten von meiner Kabine 3083 an der Unfallstelle vorbei. Ob ich hinsah oder nicht: Immer tauchten das Teppichmuster und die Delle im goldenen Geländer vor mir auf. Es gab nichts, was diesen Fall auflöste: keine Trauerfeier, keine Todesmeldung, keine Todesursache. Einfach nur eine zurückgelassene Leiche in Los Angeles.

 

Die Presse

Die Zeit von ,,Flower Power“ lebt wieder auf

Adax Dörsam und Rainer Schindler
begeistern bei ,,Kleinkunst im Domhof“
,,Wenn Adax Dörsam und Rainer Schindler zu den Gitarren greifen
und Schindlers machtvolle Stimme erklingt, paaren sich
Nostalgie und Musikalität auf höchstem Niveau.“  – Achim Wirths –

 

Mr. Flower-Power – Geist der Hippie – Ära wiederbelebt

Entertainer ,,Rainer Schindler begeisterte sein Publikum mit Liedern vom Genre Rock bis hin zu sanften Balladen, die er mit seinen Gitarren meisterhaft begleitete.
Seine warme, variationsreiche Stimme, die über vier Oktaven reicht und auch instrumental sauber klingt, hält jeder gesanglichen Herausforderung stand.“ 
– Uta Lehr –

Die Flower Power Men verwandeln
das Bürgerhaus in den Star-Club


,,Da treffen Charm, Witz, die Gabe zur Unterhaltung,
Sinn für Dramaturgie, musikalische und stimmliche Virtuosität zusammen.
Rainer Schindler und Adax Dörsam stellten mit diesen ,,Instrumenten“ einmal mehr eine Halle auf den Kopf; dieses Mal das ausverkaufte Bürgerhaus in Mörlenbach.“
– Michael Kochendörfer –

Wenn alte Zeiten lebendig werden

,,Rainer Schindler zeigte, dass er nicht nur tiefen Bass und hohen Tenor stimmlich beherrscht, sondern auch grandios imitieren kann. ,,Was für eine Stimme!“, bewundert selbst der Musikexperte Adax Dörsam den Gesang seines Partners.“


Zeitreise mit viel Gefühl und Herzblut


,,Mit einer gehörigen Portion Spielwitz, Spontanität und unbändiger Spielfreude rissen die Flower Power Men ihr Publikum mit.“ – mr/fn –

Rückkehr zum Lebensgefühl einer Epoche

Weinheim Alte Druckerei. Adax Dörsam und Rainer Schindler bieten einen mitreißenden Rückblick in die Sixties und haben dabei nichts gemein mit einfachen Cover-Combos. ,,Was Schindler mit den Stimmbändern schafft, gelingt Adax Dörsam auf den Saiten.“ ,,Rainer Schindler kann aus seiner Stimme die erstaunlichsten Effekte herausholen. Mal singt er wie ein Don-Kosake abwechselnd im tiefsten Bass, dann wieder im hellsten Sopran, um dann gnadenlos das ,,If I Had A Hammer“ von Trini Lopez anzustimmen und so wird das Publikum schlagartig aus dem andächtigen Lauschen artistischer Stimmkünste herausgerissen“. – rav

 

Ein Hauch von Woodstock kommt auf

,,Die beiden hochkarätigen Musiker
Rainer Schindler und Adax Dörsam brannten ein zweistündiges
Brillant-Feuerwerk mit fetzigen Hits und gefühlvollen Balladen ab.“  – btr. –

Soundtrack eines Lebensgefühls

,,Die Flower Power Men verwandelten jeden Titel in ein musikalisches Kunstwerk.
was zum einen an der Vier-Oktaven-Stimme von Rainer Schindler lag,
zum anderen  an den Individuellen Gitarrenarrangements von Adax Dörsam.
Eine Zuschauerin brachte es auf den Punkt: ,,Wofür manche Sänger oder Gruppen einen LKW für Equipment und Technik benötigen,
gelingt es hier mit zwei Stimmen und zwei Gitarren, einen fast orchestralen Sound zu erreichen und ein ganzes Gesangsensemble zu ersetzen.“  – rav –

Verrückt nach Meer

Auf den Teufelsinseln

Die „Weiße Lady“ liegt bei den Teufelsinseln vor der Küste Französisch Guayanas auf Reede. Kapitän Morten Hansen, die Kreuzfahrtdirektoren Thomas Gleis, Joe Limberger und Entertainer Rainer Schindler besichtigen die ehemalige französische Sträflingskolonie und wandeln auf den Spuren des Filmklassikers „Papillon“. 

31. Oktober 2011

 


Barry McGuire
(Eve Of Destruction 1965) 

Es gab viele Highlights in meiner Karriere, eins davon war 2013 die Zusammenarbeit mit Barry McGuire im Rahmen seiner ‘Trippin‘ Sixties Tournee’. Mit von der Party war auch John York, ehemaliges Bandmitglied der ‘Byrds’. Natürlich spielten wir den Song, der ihn weltberühmt gemacht hatte: Eve of Destruction.


Interview

,,Dein Song «Eve of Destruction» war das Lied einer Generation und ein Protest gegen den Vietnam-Krieg“ …

Barry McGuire:

Es war kein Protestlied; es war die Diagnose einer weltweiten gesellschaftlichen Heuchelei. Wenn du zu einem Arzt gehst und er dir einen bösartigen Tumor bescheinigt, dann erzählst du deinen Freunden ja auch nicht, der Arzt sei ein «Protest-Doktor», nur weil er deine Krankheit diagnostiziert hat. «Eve of Destruction» war eine Diagnose von Gier und moralischem Verfall. Die Medien haben den Song falsch etikettiert und «Protestsong» genannt, weil sie ihn nicht verstanden hatten.

,,Kannst du nach 48 Jahren überhaupt noch Fragen zu diesem Lied hören?“

Barry McGuire:

Ja, denn das Massaker geht weiter. Es wurde nie beendet.

,,Wem widmest du den Song heute? Dem Sudan, der Ukraine oder einem anderen Konflikt?“


Barry McGuire:

Heute widme ich ihn all jenen Menschen, die zu Boden geschmettert wurden von den Mächtigen in Politik, Militär, Wirtschaft und Medizin; von Aasgeiern, denen es völlig egal ist, wie viele Leute draufgehen, solang sie nur selbst ihre Taschen und Konten voll haben.

 

Hello Rainer.

Here’s a few lines for your book.

„Barry McGuire here.  I never work with an opening act but recently I was booked into a venue where Rainer and his brother, the flower power guys, did the first 45 minutes of the show, and I must say, they exploded on stage. Their energy level was over the moon, their musicianship was absolutely excellent, and the audience just would not stop clapping.  Good on you boys, keep doing those great shows.“

Barry

 

Ich könnte noch Seiten füllen mit interessanten Begegnungen, mit tollen Exkursionen rund um den Erdball, mit Erinnerungen an unvergessliche Auftritte und großartige Künstlerinnen und Künstler. Quasi stellvertretend will ich mich auf eine Hervorhebung zum Schluss beschränken. Angeregt von einem enthusiastischen Fan, kamen wir auf die Idee der Zusammenarbeit mit einer Ikone der frühen Jahre. Adax schrieb sie an, die Idee gefiel ihr, wir lernten alsbald Uschi Nerke persönlich kennen. Ihre Popularität als Moderatorin ist ungebrochen und so legendär wie die Sendung, die sie einst kongenial präsentiert hat. Die Rede ist natürlich vom ‚Beat-Club’. Er war eine der erfolgreichsten Fernsehproduktionen von Radio Bremen in den sechziger und siebziger Jahren. Eine wunderbare Zusammenarbeit begann, wir stellen die Titel zusammen, Uschi moderierte das Programm, die Flower Power Men spielten die Hits einer fantastischen Epoche, sie erzählte Geschichten von den Musikern. Das Publikum war begeistert. Anekdoten und Zoten, Golden Memories aus der Beat-, Rock- und Pop-Geschichte, Skurilles und Privates, das im Lexikon nicht zu finden ist, würzten diese besonderen Erlebnisabende. 

 

Uschi Nerke
 
Die Ikone des Beat-Club

Gastbeitrag von Adax Dörsam

1965

In diesem Jahr startet Radio Bremen den BEAT CLUB. Das war eine Provokation im deutschen Fernsehen: Zum ersten Mal konnte man die brandneue Beat- und Rockmusik mit ihren verwegenen Protagonisten live und ungeschminkt im TV hören und sehen. Dazu die junge fesche Moderatorin Uschi Nerke im Minirock mit extravaganter Frisur, ein Traum! Die Verantwortlichen glaubten nicht wirklich an den Erfolg dieses vermeintlichen Nischenprodukts und lockten anfänglich das Live Publikum mit einer Gratiswurst und einem Gratisbier ins TV – Studio. Es klingt unglaublich, aber sie hatten tatsächlich Angst, daß keiner zur Spencer Davis Group, zu Scott McKenzie, zu Dave Dee , Dozy, Beaky, Mick & Tich, The Hollies, The Nice oder The Lords kommen wollte…

,,Am 25. September 1965 wartete ein junges Mädel hinter den Kulissen nagelkauend auf ihren ersten TV-Einsatz.“ Wilhelm Wieben der spätere Tagesschausprecher kündigte den ersten „Beat Club“ an mit den Worten: „Guten Tag, liebe Beat-Freunde! Nun ist es endlich soweit. In wenigen Sekunden beginnt die erste Show im Deutschen Fernsehen, die nur für Euch gemacht ist. Sie aber, meine Damen und Herren, die Sie Beatmusik nicht mögen, bitten wir um Ihr Verständnis: Es ist eine Live-Sendung mit jungen Leuten für junge Leute!“. Und nun geht’s los.

2013

Wir saßen spät nachts im Freien und prosteten uns zu. Die Südsee umsäumte die MS Albatros, ein sanfter Wind umschmeichelte uns, die Longdrinks wurden zu Shortdrinks. Ein Passagier lobte uns ,,Flower Power Men“ über den grünen Klee und sagte: ,,Warum macht ihr nicht mal ne Beat Club Show. Ihr könnt das doch alles spielen!“

2. Januar 2014

Ein BEAT CLUB- Programm würde natürlich super zu den Flower Power Men passen. Doch wie sollten wir das angehen? Einen solchen Abend konnten wir nicht ernsthaft selbst moderieren. Ich sagte: ,,Warum fragen wir nicht Uschi Nerke?“ Natürlich hatten wir starke Zweifel. Diese Ikone des BEAT Club, dieses Sexsymbol der Sechziger hatte doch bestimmt keine Zeit. Ich mailte ihr von unserem Anliegen. Nach einer guten Weile kam die Antwort: ,, Moin Jungs! Gute Idee, wir sollten mal telefonieren!“ Das taten wir mehrfach: Sie war voller Tatendrang und sehr aufgeschlossen uns gegenüber – ihre Stimme klang immer noch jung, frech und rau. Also machten sich Rainer, Bernd und ich auf den langen Weg zu Uschi ins mondäne Hamburg. Wir waren sehr gespannt.

Uschi öffnete uns die Tür. Sie sah nach wie vor gut aus. Dann saßen wir im Wohnzimmer, alles war wie in den Sechzigern, ein wohl-geordnetes Chaos. Aber wo war ihre Frische und Agilität geblieben? So unternehmungslustig und vital sie am Telefon geklungen hatte, so zurückhaltend war sie jetzt. Wollte sie plötzlich nichts mehr mit uns zu tun haben? Das Gespräch schleppte sich dahin, wir tranken einen Kaffee, zu essen gab es nichts. Ohne zu fragen, aß ich die vom Weihnachtsfest übrig gebliebenen, verschrumpelten alten Äpfel mit Stumpf und Stiel.
Ich überlegte, wie ich den gepflegten Abgang einleiten konnte. So ein Mist, diese lange Fahrt und dann das.

,,Hallo, Nerke!“ Und zu uns gewandt: ,,Was wollt ihr denn hier?“ Ohne ein Wort abzuwarten, verschwand er wieder. ,,Das war Petersen, mein Mann“ klärte uns Uschi auf. Sie nannten sich also beim Nachnamen, merkwürdige Sitten! Jetzt hörten wir ein lautes Hämmern und Nageln. ,,Petersen renoviert gerade unser Haus“, erklärte uns Nerke. Es war grotesk, Zeit zu verschwinden. Da packte Rainer seine Gitarre aus. Okay, die letzte Option, ich war dabei. Wir spielten einen Song. Der Sylter Knurrhahn Petersen hämmerte unentwegt weiter. Beim nächsten Song hörte das Hämmern auf. Wir spielten gerade ,,Eloise“ von Barry Ryan, als sich die Tür öffnete und Petersen ins Zimmer trat.

Nach unserem virtuosen Instrumentalmedley ,,Amorada“ und ,,Tiko Tiko“ wurde er endgültig freundlich: ,,Was trinkt ihr den da, hat Nerke euch das angetan? Ich mach euch mal einen richtigen Kaffee.“ Jetzt war der Bann gebrochen, wir diskutierten lebhaft unser Projekt. Am Ende wollten uns die beiden gar nicht mehr gehen lassen…

2015

Die Premiere unseres Programms zum 50. Geburtstags des BEAT CLUB in Beerfelden war ein großer Erfolg, das Publikum tobte. Zwei Tage später ging es auf die MS Artania nach Curacaò, eine Insel der Niederländischen Antillen vor Venezuela. Dort wurden wir eingeschifft, weiter ging es über St. Vincent, St. Lucia, Dominica, die entzückenden blitzsauberen Ils des Saintes auf Guadelupe, dann über St. Kitts bis nach St. Maarten. An diesem Abend spielten wir eine grandiose Show mit den Flower Power Men.

Das anspruchsvolle Schiffspublikum raste vor Begeisterung… Uschi genoss die Reise sehr. In ihrer spontanen, herb-charmanten und frechen Art war sie eine anregende Reisebegleiterin. Mein Highlight war folgende Szene:

Ein Fernsehteam drehte für die ARD weitere Folgen der Serie ,,Verrückt nach Meer“. Aus diesem Grund war Kapitän Morten Hansen auf der MS Artania. Mit seiner originellen Art war der Norweger ein Star geworden und unverzichtbar für diese Sendung. Sein Markenzeichen war eine ganz eigene Sprache, eine Art gebrochenes Deutsch mit englischem und norwegischen Einsprengseln. Jeder auf dem Schiff kannte ihn. Außer Uschi. Morten ist ein großer Fan der Flower Power Men und kam freudestrahlend auf uns zu. Uschi saß auf einem Barhocker, wir standen um sie herum. Er begrüßte gerade Rainer sehr herzlich, da bückte sich Uschi ungnädig zu dem Eindringling und sprach: ,,Wer bist Du denn? Stell dich erst mal vor!“,,Ich bin der Leichtmatrose“ konterte Morten.

Überhaupt war es die Zeit der denkwürdigen Sprüche: ,,Dein Lächeln macht mir Angst“ so der scharfzüngige Oberkellner. ,,Je später, desto steiger!“ kam von Uschi, ,,Manchmal bin ich auf mich selbst neidisch!“ sprach Rainer. Wir hatten auch allen Grund dazu: Nach unserer ersten Show konnten wir nicht mehr unbehelligt über Bord laufen, andauernd wurden wir mit Lob überschüttet, wir waren everybody’s darling. ,,Es ist gar nicht so schlimm, gelobt zu werden“, erklärte ich den Leuten.

Fast jeden Tag um 12:00 Uhr und um 19:00 Uhr traf ich mich mit Uschi, Rainer, Petra und Bernd zum Essen. Das dauerte immer etwas länger, jede Menge Geschichten wurden erzählt. Und immer wieder neue Wortschöpfungen: ,,Das ist ja ein göttlicher Mus-matsch“, waren Uschis Worte zur Nachspeise. Sie traute sich sogar an unser Dialekt, sehr lustig aus ihrem Mund! Dazu brachte sie sich als eloquente Moderatorin in eine Nachmittagsveranstaltung ein, den ,,FernSeeGarten“. Dort trat unter anderen auch der ,,Voxxclub“ auf, ein gerade sehr angesagtes Vokalsextett im Volksmusikbereich. Mitte der Reise hatten wir mit den ,,Flower Power Men“ eine Late Night Show ab 22:30 Uhr ganz oben in der Pazifik Lounge. Trotz des späten Beginns war es rammelvoll. Uschi hielt eine geniale Vorrede, sie traf genau den Nerv der Zeit, die wir umspielten. Die Begeisterung schlug hohe Wellen, die Leute rasteten aus! Zum furiosen Finale wollte Uschi nochmal auf die Bühne, aber Morten Hansen kam ihr zuvor. Das war etwas ganz Besonderes:

Der Kapitän persönlich auf der Bühne! Er hielt eine Lobrede auf uns und forderte mit dem begeisterten Publikum eine weitere Zugabe, sensationell…Dann gegen Ende der Reise unser letztes Konzert: Zum 50. Jubiläum des BEAT CLUB hatten wir eine spannende Show zusammengestellt. Das Publikum fieberte voll mit, die meisten hatten diese Zeit hautnah erlebt. Besonders eindringlich kam Uschis Erzählung zu Mike Leckebusch, dem Macher und Mastermind des BEAT CLUB. Der starb leider viel zu früh, ihm widmeten wir Eric Clapton’s Ballade ,,Tears In Heaven“.

Dieses Gesangduett von Uschi und Rainer machte mir Gänsehaut. Viele weinten, und später bei den fetzigen Songs flippten sie aus vor Freude. Erstaunlich, was man mit Musik und den Geschichten drumherum alles erreichen kann – da geht es nicht nur um gute Laune. Bei einem guten Konzert werden auch tiefere Schichten aufgewühlt. Keiner ging frühzeitig; wir bekamen sie alle – auch die, die sonst zum Lachen in den Keller gehen. Ein paar Tage später in Marseille verabschiedeten wir uns von Uschi und der MS Artania, schön war es, ich werde beide vermissen…

 

Uschi Nerke

Bis heute bin ich immer noch fasziniert von unserem ersten Zusammentreffen – und der darauf folgenden Zusammenarbeit.

Alles begann mit einem Telefonanruf Anfang 2014.

Eine sympathische, männliche Stimme fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, dem Publikum endlich mal wieder die Musik des Beat-Clubs und die dazu gehörenden Geschichten zu erzählen. Denn schließlich stände im nächsten Jahr der 50. Geburtstag des Beat-Clubs bevor.

Ein wenig verwirrt fragte ich: Ist ja eine nette Idee, aber wie soll das gehen??? Naja, wir sind zwei Musiker – spielen Gitarren und singen – und nennen uns Flower Power Men. Wir spielen all die tollen Songs aus der damaligen Zeit und es wäre doch super, wenn Sie dazu Ihre Erinnerungen an die entsprechenden Musiker erzählen könnten. Schließlich haben Sie doch praktisch alle in Ihren Sendungen gehabt und sie dadurch auch kennen gelernt.

Ich war sprachlos!

Zwei Männer mit zwei Gitarren wollten all diese Songs perfekt spielen können? Eine Woche später saßen Rainer und Adax bei uns zuhause auf dem Sofa, nahmen nach einer kurzen Unterhaltung ihre Gitarren und legten los. Ich konnte es nicht glauben, denn was ich da hörte, war absolut umwerfend!

Die Musik stimmte 100%ig, wurde aber noch von Rainers Stimme übertroffen. Unglaublich, was er mit seinem 3–4–Oktaven Stimmumfang präsentierte. Und was vor allem stimmte: Das volle, tiefe Gefühl für diese Musik. Ich war hin und weg und sagte sofort „Ja“. Konnte mir etwas Besseres passieren? Nein!

Schon bald danach hatten wir unsere ersten Auftritte. Alles lief perfekt, und wir hatten auch noch Riesenspaß! Und das Wichtigste: Das Publikum war voll begeistert.

Vom 24.3. – 12.4.15 waren wir sogar Gäste auf dem Kreuzfahrtschiff MS Artania. Wir kreuzten drei Wochen durch die Karibik und hatten eine Traumzeit, natürlich inklusive „50 Jahre Beat-Club“- Show an Bord.

Danach kamen etliche Auftritte auf dem deutschen Festland, und ehrlich – ich genieße sie immer noch. Ich werde nie vergessen, das einige Male ältere Damen auf mich zu liefen, mich in die Arme nahmen, mir einen Kuss auf die Wange gaben und sagten: Danke, danke für die wunderschöne tolle Zeit mit dem Beat-Club!

Ja, und genau das ist es, was ich auch heute noch empfinde: Dankbarkeit! Dankbarkeit für all die vielen Jahre, in denen ich den Beat-Club und danach den Musikladen im TV moderieren durfte. Dankbarkeit für all die Freundschaften mit fantastischen Musikern und Menschen wie z.B. Dave Dee, Albert Hammond, Scott McKenzie, Jimi Hendrix – und vor Allem für die Freundschaft mit diesem tollen Menschen Rainer Schindler!

Ich hoffe, sie hält ewig!

Alles Gute für Dich!

Deine Uschi

 

Kapitel 5
Mit ein paar Harmonien
um die Welt

Die Kreuzfahrten summierten sich in gut fünfunddreißig Jahren. Jahr um Jahr konnte ich von 1985 bis 2020 die ganze Welt bereisen. Im Rückblick war es auch eine Schule des Lebens für mich. Wie gesagt, ein Tagebuch habe ich nicht geführt, aber vielleicht hätte ich es tun sollen. Die Vielzahl der Ereignisse und Begegnungen auf den Schiffen und an Land, auf den Straßen, in den Pubs, bei den An- und Abflügen, sie hätten es verdient.

An die Mitwirkung in der Doku-Soap ‚Verrückt nach Meer‘ auf der MS Albatros unter Kapitän Morten Hansen denke ich gerne. Gewissermaßen an historischer Stelle, nämlich unter der ‚Golden Gate Bridge‘ Welthits wie ‚California Dreaming‘ und ‚San Francisco‘ vor den Kameras der ARD spielen zu dürfen, war ein Höhepunkt meiner Karriere, frei nach Lothar Matthäus: Vom Feeling her, hinterließ es ein gutes Gefühl.

Ich denke gerne an die fantastische Resonanz, wenn ich mich mit der Gitarre unter die Einheimischen mischte, etwa in Irland, oder als Straßenmusikant in Kuba. Ich musizierte in der Südsee, in Rio, an vielen anderen fernen Orten, kam in Tuchfühlung mit 150 Länder in rund 400 Häfen und spürte indes auch: mein größtes Glück ist mein Heimathafen, ist Petra, ist unser Zuhause am Rhein. Meine ‚Große Freiheit‘ jedoch war die Welt, die Welt der Musik. Und sie ist es noch und wird es bis zuletzt bleiben. Nicht selten schenkte man mir den Freddy Quinn-Satz: Junge, sing bald wieder.

Die Corona-Misere spaltete die Gesellschaft. Die unsäglichen Maßnahmen unserer Regierung und ihren sogenannten Experten versetzten fast allen und allem einen Knick, um es zurückhaltend auszudrücken. Im Fluss vor meiner Haustür habe ich das Schwimmen gegen den Strom gelernt und nie verlernt, ich muss mich dafür nicht entschuldigen, niemandem etwas beweisen, mich vor niemandem rechtfertigen: So unverzeihlich Staat und Medien unsereins behandelt haben, ausbreiten möchte ich diese üblen Erfahrungen hier nicht, sie haben in meinem Resümee nichts verloren, dafür sind mir meine treuen Weggefährten und alle Fans, dafür bin ich mir selbst an dieser Stelle des Innehaltens, zu schade. 

Als Junge mit der Gitarre habe ich begonnen, als Musiker reiste ich um die ganze Welt, kam stets zurück auf heimischen Boden, der nie ein doppelter war, der ohne Fallnetz auskam, auf dem ich mich oft genug zur Wehr setzen musste, der mir trotz alledem den Grund für ein wunderschönes, glückliches Leben in Selbständigkeit beschert hat. Auf den Wolken universeller Musik, die, wie ich glaube, uns den Wiederklang dessen bescheren kann, was wir Schöpfung nennen. Es war bis heute ein Berufsleben unter freiem Himmel, in einer Freiheit, die sich vielleicht am besten mit jener der Vögel vergleichen lässt, denn nur Vögel sind so frei: sie steigen, sie fallen, sie schweben, sie singen, sie brauchen keine Gewerkschaften und keine Religion, kein Amt und keine Würden, nur ihre Fähigkeiten. Könnte es noch lange so bleiben, wäre es großartig. Denn jetzt kommen die kostbaren Jahre. 

 

Rainer Schindler
2023

 

 

 

All you need is Love  

Homage an Rainer Schindler 
Sänger – Entertainer – Gitarrist 

 

Gastautor Jürgen Kessler über den Mainzer Musiker Rainer Schindler, der zu der unschätzbaren Gattung von Künstlern gehöre, „die, wenn sie da sind, Freude auslösen”. Früher in Duos, etwa als ,,Gentlemen” (Comedy-Music-Show), noch früher in verschiedenen Bands, dem legendären Hazy Osterwald Sextett vergleichbaren Show- Bands.

Engagiert für das Internationale Entertainment auf Kreuzfahrtschiffen, reiste er um die ganze Welt, sammelte Sympathien als Straßenmusiker in Havana oder Rio, wurde zum heimlichen Star an Bord, atmete an der Seite von Mentor und Kapitän Morten Hansen für die ARD-Serie ,,Verrückt nach Meer” die frische Luft unter der Golden Gate Bridge ein und sang dazu werkgetreu und leidenschaftlich berühmte Melodien wie California Dreamin‘ und San Francisco. Er reüssierte in der Rudi Carrell-Show, bei Galas von Berlin bis Wien, in Weingütern landauf landab, oder auf dem zum Bersten gefüllten Marktplatz bei der Mainzer ,,Johannisnacht”.

Rainer Schindler gehört zu der unschätzbaren Gattung von Künstlern, die, wenn sie da sind, Freude auslösen. Denn er bringt ein Geschenk mit, das schöner nicht sein könnte: den Soundtrack unserer Jugend, den Überklang von Liebe und Sehnsucht, eine Playlist voller Good Vibrations, die Generationen übergreifende Live-Musik für einen glücklichen Moment.

So unwiederbringlich die Jugendzeit auch ist, Rainer Schindler bringt ihren Nachklang für Momente zurück, eben jene geglückten. Fünfzig Jahre großer Applaus, erfüllt mit Freundschaften und Berufs-kontakten rund um den Globus. Mit Song- und Showgrößen wie Harald Juhnke und Jürgen Drews, von Barry McGuire (Eve of Destruction) bis zur unvergessenen Uschi Nerke; mit der Beat-Club Ikone steht er aktuell auf der Bühne, um den fabelhaften Sound der Roaring Sixties & Seventies musikalisch und anekdotisch zu feiern: The Beat goes on. Als Solist, der  über  vier  Oktaven  singt,  hat  Rainer mit der Gitarre in Nordheim am Rhein begonnen, als Musiker reiste er um die ganze Welt, kehrte stets auf heimischen Boden zurück, sein Kraftfeld für ein geglücktes Leben auf eigenen Füssen und auf den Wolken universeller Musik, die, wie ich glaube, uns den Wiederklang dessen beschert, was wir Schöpfung nennen, oder eben das Göttliche; im Menschlichen.

Rainer ist einer, den der Instinkt zu seinem Glück führte, der seinen Traum leben durfte, der uns teilhaben lässt an einem schillernden Berufsleben. Am authentischsten sind seine Konzerte unter freiem Himmel. In einer Freiheit, die sich mit jener der Vögel vergleichen lässt, denn nur die sind so frei: sie steigen, sie fallen, sie schweben, sie singen, sie brauchen keine Gewerkschaften und keine Religion, kein Amt und keine Würden, nur ihre Fähigkeiten.

Buch Tipp: Mit ein paar Harmonien um die Welt